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Paul Bowles
Zu fern der Heimat

Suhrkamp
1997
69 Seiten
DM 19,80


Von Volker Frick am 01.11.2000

  Paul Bowles ist ein mittlerweile ziemlich alter Mann. Ein Komponist und Schriftsteller. Gertrude Stein sah das aber ganz anders. Er ist trotzdem ein Schriftsteller. Sein bekanntester und vor Jahren auch filmisch adaptierter Roman Himmel über der Wüste erschien schon 1952 auf deutsch. 1972 veröffentlicht er seine Autobiographie Without stopping, die auf deutsch dann allerdings erst 1990 erscheint. 1973 stirbt Jane Bowles in Malaga. "Danach schien es ihm, als geschähe nichts mehr." Aber Paul Bowles schrieb doch auch weiter. Er übersetzte doch auch Autoren aus dem Spanischen/ Französischen wie Jorge Luis Borges oder Françis Ponge. Und andere.
  Doch was bleibt sind geschliffene Landschaften und die gefrorenen Felder der Vision eines Weltbürgers, der die Welt hinter sich gelassen hat und der erzählt von der Zivilisation als einem Atavismus. Ich entdeckte dieses Buch, Zu fern der Heimat, eine Geschichte, eine jener kurzen Erzählungen, die Paul Bowles in all den verbliebenen Jahrzehnten noch schrieb. Das Geschwisterpaar Anita und Tom sind in einem Dorf am Niger, und Anita ist nachgekommen. Anita schreibt Briefe, zum Beispiel an Dorothy: Elaine Duncan ist eine blöde Kuh. (...) Sie weiß genau, was ich hinter mir habe und was es mich gekostet hat, diese entgültige Entscheidung zu treffen. Sie hat sich scheiden lassen. Aber dann schreibt sie dieser blöden Kuh, stellt klar, und beschreibt die Dienerin Jahora in jenem gemieteten Haus am Niger: Sie hört mir zu und nickt, doch wie jemand der versucht, eine Geisteskranke zu beruhigen. Und sie schreibt noch Peg, über Tom, der alles tue, damit sie sich nicht langweile, es ist eine Art Therapie, und das wiederum heißt, daß er befürchten muß, ich sei dabei, verrückt zu werden. Doch auch streiten Geschwister sich, und sie sagt Du weißt, daß es mir in letzter Zeit nicht allzu gut ging. Aber hast du mir je einen Funken Mitgefühl entgegengebracht? Und Tom? Tom ist Maler. Mme. Massot besucht ihn, studiert seine Bilder und sagt: Oft ist es nur reiner Zufall in einem Detail, der über die Entwicklung des gesamten Gemäldes entscheidet. Tom fotografiert aber auch sehr viel, und so bittet er Anita in die Stadt zu gehen, neue Filme zu kaufen. Der Dienstbote Sekou begleitet sie. Es ist nicht sein eigentlicher Name, vielmehr ein Titel. Unterwegs nähert sich ihnen mit einer vorauseilenden Staubwolke ein Motorrad. Sie springt zur Seite, die beiden Biker stürzen. Anita empört sich diesen beiden amerikanischen Jugendlichen gegenüber. Die Filme werden gekauft, auf dem Heimweg humpelt Sekou und Anita sieht den blutdurchtränkten unteren Teil seines Gewandes. Später, bei einem Ausflug mit Tom, wandert sie von einer Wüstensanddüne zur nächsten und sieht aufblitzen in der Sonne Chrom, und zwei tote blutige Körper. Sie erzählt auch davon nichts ihrem Bruder. So wie ich jetzt dazu rate, diese Geschichte zu lesen, statt sie sich erzählen zu lassen.
 Also noch ein paar Marginalien aus der verschrobenen Welt, die sich Publikationsgeschichte nennt. Paul Bowles schrieb diese Erzählung 1990, im Original erschien sie drei Jahre danach unter dem Titel Too far from home. Als deutsche Erstausgabe erschien sie 1995 zusammen mit sechs weiteren Geschichten unter dem Titel Sekou in dem Band Der ferne Kontinent, einem noch lieferbaren Taschenbuch für nur 9,90 DM. Der Suhrkamp Verlag nun nimmt diese Erzählung und veröffentlicht sie in identischer Übersetzung unter einem neuen Titel, der, zugegeben, der Originaltitel ist, und verdoppelt den Preis. Die Geschichte ist natürlich wunderbar und lesenswert, und auch ihr wichtigster Satz findet sich auf dem Umschlag dieses Bandes der Bibliothek Suhrkamp. Und wenn es Anita ist, der dieser Satz durch den Kopf geht, eben ...dass sie, selbst wenn sie für den Rest ihres Lebens hier bliebe, niemals begreifen würde, was sie dachten, so ist es doch und gerade auch wegen dieses Satzes eine durchaus autobiographische Erzählung. Den meiner unmaßgeblichen Meinung nach schönsten Satz in dieser Erzählung aber spricht die Mutter dieses Geschwisterpaares durch den Mund der sich erinnernden Anita, an Tom gerichtet: Als William der Schweiger in deinem Alter war, hatte er bereits halb Europa erobert.

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