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Robert Wilson
Wer Lügen sät
Charles Boxer, Band 4
(Hear No Lies (Boxer 4))

Goldmann
2017
Übersetzt von Kristian Lutze
448 Seiten
ISBN-13: 978-3442314539
€ 15,-


Von Hans Durrer am 06.08.2017

  Sabrina Melo, die Tochter des skrupellosen brasilianischen Multimillionärs Iago Melo, wird in São Paulo entführt. Dieser engagiert den Spezialermittler Charles Boxer, spielt aber sein eigenes gefährliches Spiel. „Sie kommen nicht in meine Position, wenn Sie nicht einen geschärften Kern aus Stahl haben, Mr Boxer.“ Die Charakterisierung dieses Ego-Monsters lässt einen automatisch an andere Egozentriker denken. „Er hat getan, was 'er' tun wollte. Ja, nur 'er' weiss, wie man es macht. Es hat meine Mutter wahnsinnig gemacht, und dann hat es 'mich' wahnsinnig gemacht. Deswegen musste ich von ihm weg. Und wegen seiner Wutausbrüche.“
 
  „Wer Lügen sät“ ist der nunmehr vierte Band um den Entführungsspezialisten Charles Boxer, einem der ungewöhnlichsten und überzeugendsten Krimihelden der letzten Jahre. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Robert Wilsons Protagonisten es so an sich haben, gescheite Sachen über die Welt, das Leben und die menschliche Existenz von sich zu geben.
 
  „Bald wird es überall in der entwickelten Welt so sein“, sagte Melo, hob die Hand und wischte über das Glas. „Die Menschen glauben es nicht, aber es wird so kommen. Die Superreichen werden von Gebäude zu Gebäude fliegen, um die immer zahlreicher werdenden wütenden, verarmten Massen zu meiden.“
 
  „Ich habe neulich den Artikel eines amerikanischen Journalisten gelesen, der einen Vorschlag gemacht hat, wie man die Ungleichheit beenden könnte“, sagte er nach einer Weile und überraschte Boxer mit dem abrupten Themenwechsel. „Er wollte alle private Security verbieten lassen. Die Idee war, dass die Reichen dann nicht mehr geschützt sein würden. Entweder sie würden ihren Reichtum verschenken, oder er würde ihnen von den weniger Glücklichen gewaltsam genommen werden.“
 
  „Wer Lügen sät“ erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern mehrere. Neben Sabrina Melo wird auch der Architekt Julião Gonçalves, der in einer von Iago Melos Baufirmen angestellt gewesen war, entführt. Zudem ist vor vielen Jahren die Schwester von Eiriol Lewis in London verschwunden, die Boxer ausfindig machen soll. Und auch Charles Boxers familiäre Verhältnisse, insbesondere das rätselhafte Verschwinden seines Vaters, kommen, wie schon in Robert Wilsons früheren Charles Boxer-Büchern, ausgiebig zur Sprache. Dass „Wer Lügen sät“ trotz der verschiedenen ineinander verwickelten Erzählstränge spannend bleibt, ist eine Meisterleistung.
 
  „Wer Lügen sät“ spielt in London und São Paulo, in ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Erzählt mit feinem psychologischen Gespür und einem ausgeprägten Sensorium für soziale und weltpolitische Konflikte, lehrt uns der Autor mehr über die Welt als viele gescheite Sachbücher.
 
  Robert Wilson verschafft dem Leser auch einen guten Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse Brasiliens, wo Korruption, Zerstörung der Natur, Gangs, die sich blutig bekämpfen, die ungeheure Diskrepanz zwischen dem Leben in den Favelas und den Villenvierteln „normal“ ist. Auch die Zeit der Militärdiktatur kommt zur Sprache. Doch vor allem wird gezeigt, wie sich soziale Konflikte nicht nur verschärfen, sondern in brutale Gewalt ausarten.
 
  Darüber hinaus ist „Wer Lügen sät“ auch die Geschichte von Boxers schmerzhafter Selbstfindung, bei der, wie das bei wirklichen Selbstfindungen so ist, fast alle Gewissheiten auf der Strecke bleiben.
 
  Robert Wilson, vertraut mit den Tiefen der menschlichen Seele, zeigt mit „Wer Lügen sät“ einmal mehr, dass wer etwas von der Welt verstehen will, am besten Krimis liest: Die Krimis von Robert Wilson.

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