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Hari Kunzru
White Tears

Liebeskind
2017
Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner
352 Seiten
ISBN-13: 978-3954380787
€ 22,-


Von Hans Durrer am 24.07.2017

  Der mittellose Seth und der aus reichem Haus stammende Carter könnten unterschiedlicher kaum sein. Was sie verbindet ist ihre Faszination für Töne. Als Seth eines Tages zufällig eine Blues-Stimme und andernorts eine Gitarre aufnimmt, ist Carter derart davon begeistert, dass er Seth dazu bringt, seine Magie spielen zu lassen. „Er liess nicht locker, bis ich irgendwann kapitulierte und mich an die Arbeit machte. Ich liess das Stück über einen blechernen kleinen Speaker aus einem alten Transistorradio laufen, nahm es neu auf und packte jede Menge Knistern drauf. Als ich fertig war, klang es wie eine alte Schellackplatte, von der es nur ein einziges, ramponiertes Exemplar gab, ein seidener Faden, an dem die Vergangenheit hing.“
 
  Carter stellt es ins Internet und schreibt es einem fiktiven Charlie Shaw zu. Das erweckt die Neugier eines betagten Plattensammlers, der behauptet Charlie Shaw persönlich gekannt zu haben. Kurz darauf wird Carter in der Bronx überfallen und bewusstlos geprügelt.
 
  Zusammen mit der ziemlich abgedrehten Leonie, der Schwester Carters, machen sich Seth und sein Kumpel Chester auf nach Mississippi und auf die Suche nach Charlie Shaw, den es doch eigentlich gar nicht geben sollte. Es ist die Zeit, als auf Zeitungsredaktionen in New York alle über „Das Problem des Südens“ diskutierten. „Da unten wurden reihenweise Schwarze umgebracht. Immer noch wurden Schwarze umgebracht, trotz all des sogenannten Fortschritts. Schamloses Glotzen hiess das Verbrechen, und man konnte dafür gehängt oder lebend verbrannt oder an einen Motorblock gefesselt in den Fluss geworfen werden. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung NAACP rief zum Widerstand auf. Das White Citizens Council drohte mit Mord und Totschlag. Und Chester wollte runter ins Delta und bei den Leuten an die Tür klopfen, um zu fragen, ob sie alte Platten hatten ...“.
 
  Im Süden treffen sie auf die Schwester von Charlie Shaw, der dann irgendwann einmal auch in New York auftaucht. Oder etwa doch nicht? Mir ist nie wirklich klar geworden, was denn nun eigentlich wahr/real ist an dieser atmosphärisch gut erzählten Geschichte. Ich wähnte mich gelegentlich in einem surealistischen Roadmovie, in dem man Gewissheiten vergeblich sucht.
 
  Wunderbar gelungen ist die Schilderung der musikbegeisterten Seth und Carter, die mit ihren Vorlieben und Abneigungen in einer sehr eigenen (doch für Jugendliche typischen) Welt leben, in der die wirklich wichtigen Dinge sich darum drehen, zu wissen, was John Coltrane suchte, als er im Mittelteil von 'A Love Supreme' sein Tenorsaxofon überblies und wer auf der B-Seite Congas spielte.
 
  Ebenso wunderbar gelungen ist die Schilderung der sozialen Schicht, der Carter entstammt. Deren Abgehobenheit und Überheblichkeit ist fast mit Händen zu greifen.
 
  Für mich bedeutet „White Tears“ nicht zuletzt eine Zeitreise, denn auch ich war einmal ein Plattensammler, ein „aficionado“, ein Angefressener eben, wenn auch nicht in Sachen Blues von Mitte der 1920er, wie Seth. In meinem Falle waren es vor allem die späten 1960er und frühen 1970er, in denen es galt, die richtigen Platten zu kennen und zu haben. Und „White Tears“ hat diese Zeit für mich wieder hervorgeholt. Eine tolle Erfahrung, Danke!
 
  Nicht unerwähnt lassen will ich, dass bei der Gestaltung dieses Liebeskind-Buches wieder einmal alles stimmt. Format, Satzspiegel, Schrift und ein tolles Cover. „White Tears“ liegt gut in der Hand, was nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass es sich auch gut liest.

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