Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Éduard Louis
Im Herzen der Gewalt

S. Fischer
2017
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
224 Seiten
ISBN-13: 978-3103972429
€ 20,-


Von Hans Durrer am 03.07.2017

  An einem Weihnachtsabend begegnet Éduard Louis auf der Pariser Place de la République einem jungen Mann namens Reda, der ihn in ein Gespräch verwickelt. Éduard nimmt ihn mit in seine Wohnung, wo Reda ihm von seiner Kindheit und den Erlebnissen seines Vaters, der aus Algerien geflohen war, in einem französischen Flüchtlingsheim erzählt
 
  Sie werden intim, später beklaut Reda Éduard. Dieser bettelt ihn an, ihm Handy und iPad zurückzugeben. Reda reagiert aggressiv, schreit herum. „Willst du sagen, ich bin ein Dieb, ich bin kein Dieb, du beleidigst meine Mutter.“
 
  Da treffen Welten aufeinander, da ist keine Verständigung möglich. Édouard bemüht sich, die Situation zu entschärfen, redet auf Reda ein, will ihn beruhigen. „Und Édouard sagt: es macht nichts, es macht nichts, und Reda, Du beleidigst meine Mutter, du beleidigst meine Familie, beide sagen sie Sätze auf.“
 
  Dem Autor Éduard Louis, gerade mal 24 Jahre alt, gelingt die Schilderung des Einander-Nicht-Verstehens höchst eindrücklich. Es sei ihm schwer gefallen, sagte er in einem Interview, Reda, der algerische Wurzeln hat, als gewalttätig und kriminell darzustellen. „Ich habe sogar darüber nachgedacht, aus Reda einen Norweger oder Belgier zu machen.“ Gut, dass er das absurd gefunden hat, gut, dass er sich an der Realität orientiert hat – sein Buch ist autobiographisch.
 
  Nicht nur zwischen Éduard und Reda klappt die Verständigung nicht, auch die zwischen den Polizisten und Éduard klappt nicht. Diese empfinden seine Schilderung als chaotisch, er solle noch einmal von vorne anfangen, der Reihe nach.
 
  „An jenem Abend ignorierte ich alles, was mir an Reda missfallen konnte, übrigens ohne mir dessen bewusst zu sein, erst heute begreife ich, wie sehr ich die Realität filterte, um nur das an ihm wahrzunehmen, das mir gefiel.“ Nicht einmal als Reda gewalttätig wird, ihn würgt und mit einer Pistole bedroht, wehrt er sich wirklich. „Ich musste darauf achten, ein heikles Gleichgewicht zu halten, ihn abzuwehren, aber nicht zu heftig (...) Die Polizistin sagte, an meiner Stelle hätte sie so laut geschrien, wie sie nur konnte.“
 
  Zur Polizei ist Éduard gegangen, weil sein Freunde ihn aufgefordert haben, Anzeige zu erstatten. Wegen Mordversuch und Vergewaltigung. Und obwohl er eigentlich gar nicht wollte. Detailliert führt er die Gründe an, er weiss, dass er kein mutiger Mann ist.
 
  Ich habe dieses Buch auch als interkulturellen Konflikt gelesen.
  Sowohl Éduard als auch Reda sind unfähig, die eigene und die Welt des andern zu verstehen. Éduard benutzt seinen Verstand eloquent und differenziert zur Rechtfertigung seiner Wahrnehmung, Reda hingegen wirkt sprachlos, von Gefühlen beherrscht. Gemeinsam ist beiden, dass sie unfähig sind, eine neue Wahrnehmungsebene zu finden, denn dazu müssten sie sich nicht nur der eigenen Konditionierungen bewusst, sondern auch bereit sein, von diesen, wenigstens für einen Moment, zu lassen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.