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Alexandra Lavizzari
Fast eine Liebe
Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers

ebersbach & simon
2017
144 Seiten
ISBN-13: 978-3869151397
€ 16,80


Von Hans Durrer am 02.07.2017

  Carson McCullers ist mir, im Gegensatz zu Annemarie Schwarzenbach, mehr als nur ein Begriff. Ich habe, viele Jahre ist es her, mehrere ihrer Bücher gelesen, doch ausser den Titeln erinnere ich nur die Diogenes-Taschenbuchumschläge. Von Annemarie Schwarzenbach weiss ich nur, dass sie viel gereist ist. Soweit meine Ausgangslage.
 
  Sowohl Carson als auch Annemarie sei jegliches bürgerliche Denken fremd und die Selbstverwirklichung das wichtigste Lebensziel gewesen, schreibt Alexandra Lavizzari. Gemeinsam sei beiden auch „eine Tendenz zur Dreieckskonstellation ohne sexuelle Präferenz“. Andererseits hätten sie charakterlich kaum verschiedener sein können. „Carson überbordete geradezu vor Jugend und Optimismus und stand eben am Anfang einer fulminanten literarischen Karriere, als sie sich in Annemarie verliebte, während Annemarie, von Drogen, Enttäuschungen und ungelösten inneren Konflikten verbraucht, nur noch zwei Jahre zu leben hatte.“
 
  Carson McCullers' „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ erschien am 4. Juni 1940 im angesehenen Verlagshaus Houghton & Mifflin. Wie Alexandra Lavizzari den Titel kommentiert, hat meine ganze Sympathie (auch natürlich, weil ich noch nie darüber nachgedacht habe und diese Lesart meinen Horizont weitete): „Es trug einen ungewöhnlichen poetischen Titel, unter dem sich niemand etwas vorstellen konnte, dessen Kombination von zartem Gefühl und Wildheit jedoch auf Anhieb die Fantasie der Leser anregte.“
 
  Als musikalisch talentiert, einzelgängerisch, stur und sehr von sich eingenommen, schildert Alexandra Lavizzari Carson, die es selten lange in einem Job aushielt. Auch Annemarie, aus reichem Schweizer Elternhaus, weitgereist und drogenabhängig, war ein ausgesprochen unruhiger Geist. Als sie sich in New York begegneten, war Carson verheiratet und Annemarie in einer schwierigen Beziehung mit Margot von Opel sowie an Erika Mann interessiert.
 
  „Obwohl sie mit dreiundzwanzig Jahren bereits auf dem besten Weg war, sich zur Alkoholikern zu entwickeln, konnte sie sich unter Drogen und ihrer Wirkung nichts vorstellen und wollte nicht verstehen, warum Annemarie sie so inständig davor warnte.“ Annemarie war trotz oder vielleicht wegen ihrer Drogensucht wesentlich hellsichtiger als Carson, die „in ihrer eigenen abseitigen Vorstellungswelt lebte“. Sie will wieder weg aus New York, doch weiss sie nicht, ob nach Sils, Alaska oder in die Mongolei und kommentiert dies wie folgt: „Es handelt sich nicht darum, ob Margot nach Alaska oder in die Wüstenei mitgehen würde, denn dann wäre es für mich ja nicht der Aufbruch oder das von Allem weggehen, – wohl aber ist in mir der Verdacht wach, dieses Weggehen sei eine Neigung, dem Schicksal auszuweichen.“
 
  Annemarie wird immer kränker, der Tod des Vaters wirft sie vollends aus der Bahn. Die Schilderung dieses psychischen Absturzes gehört zu den eindrücklichsten Szenen dieses überaus gelungen Buches.
 
  Die Geschichte von Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach war eine ausgesprochen schwierige, verwickelte und dramatische. Daraus eine gut und spannend zu lesende Geschichte zu machen, verlangt neben viel Wissen auch viel Talent fürs Strukturieren, das Alexandra Lavizzari ganz offenbar eigen ist. Zudem braucht es ein exzellentes Einfühlungsvermögen sowie den Mut zur Vereinfachung. Letztendlich, das wissen gute Biografen, bleibt es natürlich eine persönliche Interpretation – und im Falle von „Fast eine Liebe“ eine fundierte und höchst anregende.

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