Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis

Frankfurter Verlagsanstalt
2016
224 Seiten
ISBN-13: 978-3627002282
€ 21,-


Von Hans Durrer am 01.05.2017

  Das ist Literatur, denkt es in mir bereits nach wenigen Seiten, gute Literatur: wohlformuliert, genau, so viele so genannte Kleinigkeiten wahrnehmend und sprachlich ansprechend ausdrückend wie es allzu viele Texte – jedenfalls die mir bekannten – nicht oft tun. Zugegeben, ich weiss nicht, ob das eine Definition von guter Literatur im Sinne der Germanisten ist, auch habe ich mich diesbezüglich nicht kundig gemacht, es ist meine eigene Definition.
 
  Bodo Kirchhoff sei vergleichbar mit John Updike, wird ein Kritiker im Klappentext zitiert. Und seit ich das gelesen habe, gehen mir die paar Updike-Bücher, die ich gelesen habe durch den Kopf, genauer: die Stimmung, die ich bei der Updike-Lektüre erinnere – und die ist in der Tat nicht unähnlich der, in die mich auch Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ bringt.
 
  Fasziniert verfolge ich die Autofahrt von zwei älteren Zufallsbekannten, einem Verleger und einer Hutmacherin („Zwei, die Pleite gemacht haben, Sie mit einem Verlag, Reither, ich mit meinem Hutladen. Und das nicht nur, weil es keine Hutgesichter mehr gibt. Nein, weil die Leute meine Hüte nicht mehr brauchen, so wie sie ihre Bücher nicht nicht mehr brauchen, weil sie schon seit Jahren etwas ganz anderes wollen als handgemachte Hüte oder gute Bücher, das ist die Wahrheit.“) in den Süden Italiens – dass mich die Schilderung einer wenig spektakulären Reise in ihren Bann ziehen mag, verblüfft mich. Sicher, es ist zu erwarten, dass die beiden einander näher kommen (und so ist es denn auch), doch es ist nicht so sehr diese einfühlsam gezeichnete Annäherung, die mich fesselt (obwohl, die auch), sondern wie der Autor die vorbeiziehende Landschaft beschreibt.
 
  „Hinter Ancona ging es weiter am Meer entlang, auch wenn das Meer mal hinter Landzungen verschwand, mal nur aufblitzte zwischen grünen Hügeln; dann aber wieder lag es offen da, davor höchstens ein Streifen Ödland, niedere Büsche und Dünen, ab und zu ein verlassenes Haus, als sei das nichts: der Blick auf ein metallisches Blau bis zum Horizont – die Adria, auch eine Frau könnte so heissen. Reither fuhr mit einer Hand, die andere auf dem Schaltknüppel, obwohl es nichts zu schalten gab.“ Ich mag diese Beschreibung des Unspektakulären (und es gibt einige davon in dieser Novelle), dem damit Bedeutung gegeben wird.
 
  In Catania treffen sie auf ein junges Mädchen (ein Flüchtlingsmädchen?, eine Bettlerin?), das ihnen wortlos eine wertlose Kette verkaufen will. Die Beiden nehmen sich der Kleinen an, kaufen ihr Sachen, lassen es in ihrer Absteige schlafen, nehmen sie in ihrem Wagen mit. Das Mädchen spricht nicht mit ihnen. In den Beiden sei das Helfersyndrom erwacht, lese ich in einer Kritik, und merke wieder einmal, wie unterschiedlich man Bücher lesen kann. Anders gesagt: man bringt seine Vorstellungen zum Buch, liest hinein, was man bereits im Kopf hat. Helfersyndrom ist mir nicht durch den Kopf und überhaupt ist Helfen kein Syndrom, auch dann nicht, wenn man sich selber damit einen Gefallen tut. Es ist umgekehrt: wer nichts tut, obwohl er könnte, tut sich damit keinen Gefallen, er/sie fühlt (und macht) sich schuldig.
 
  Auf der Überfahrt nach Messina macht sich das stumme Mädchen davon, und Leonie Palm ihm hinterher. Reither und Leonie verlieren sich aus den Augen, finden sich wieder, doch nichts ist mehr wie zuvor.
 
  Obwohl die Geschichte (das Mitnehmen des kleinen Mädchens, der Nigerianer, der Reither in Messina verarztet) nicht besonders wirklichkeitsnah ist, könnten die feinen und genauen Schilderungen des Unterwegssein wirklichkeitsnaher kaum sein. Ich jedenfalls fühlte mich in das Geschehen richtiggehend hinein gesogen, ganz so, als ob ich vor Ort mit dabei wäre.
 
  Magisch, wie Bodo Kirchhoff hier mit der Sprache umgeht, die Welt abbildet und sie gestaltet. Und dabei auch Weisheiten teilt, auf die man gerne aufmerksam gemacht wird. „... manchmal sind Dinge, die lange unmöglich erschienen, zeitlebens fast, plötzlich ganz leicht, wie sich selbst loszulassen oder, aus umgekehrter Sicht, von sich abzurücken und für jemanden da zu sein, nicht irgendwann und irgendwo und auch nicht in Gedanken, also später, sondern gleich.“

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.