Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Chris Kraus
I love Dick

Matthes & Seitz
2017
Übersetzt von Kevin Vennemann
296 Seiten
ISBN-13: 978-3957573643
€ 22,-


Von Hans Durrer am 01.05.2017

  Der allererste Eindruck: Die mich sehr ansprechenden Farben (die Schrift in Weiss, Pink und Schwarz auf sattem mittel-hellem Grün) des Schutzumschlags. Ein solches Buch nehme ich gerne zur Hand.
 
  Sofort bin ich drin. Der Sprachrhythmus ist's, der mich packt, und die kalifornische Geografie, die mir nicht unbekannt ist. Und dann diese intellektuellen Schwafler, die so viel analysieren, durchschauen und zu spüren glauben und doch nie etwas begreifen (und manchmal eben doch).
 
  Worum geht's? In einer Sushi-Bar in Pasadena essen die Filmemacherin und Autorin Chris Kraus (39) und ihr Mann Sylvère Lotringer (56), College Professor in New York, mit Dick, einem Bekannten Sylvères, zu Abend. Chris verliebt sich in Dick.
 
  Dick reist ab. Chris und Sylvère schreiben ihm Briefe, die sie aber nicht abschicken. Als Dick sich Tage später telefonisch meldet, klärt ihn Sylvère darüber auf. „... in diesen Briefen ging es um dich selbst als auch um dich als eine Art Objekt einer, nun ja, Verführung oder eines Begehrens oder einer Faszination oder so was ...“.
 
  Wie so oft bei Büchern sprechen mich einige der Szenen mehr an als andere. Ganz besonders hat es mir zum Beispiel Chris' witzige Reiseschilderung aus Shawnee, Oklahoma angetan, als sie „brutal aus dem Business-Travel-Schlauch in die Realität geworfen, von der einen normalerweise die Radisson- und Hyatt-Hotels, die Platin-Karten der Fluglinien und die Hertz-Preferred-Programme isolieren“ sich in die Autohändler- und Industriepark-Zone am Stadtrand aufmacht und bei ihrer Rückkehr in die Stadt vom Taxifahrer gefragt wird, „ob sie ihm verraten könne, wie man sich als Künstler seinen Lebensunterhalt verdienen kann? Nun, nein.“
 
  Als ein Kurator sie fragt, wie sie es finanziell schaffe, erklärt sie ihm, Sylvère gebe ihr Geld. Und dann schreibt sie (und ich juble innerlich, so sehr gehe ich mir ihr einig): „Geld ist abstrakt, und wie es von unserer Kultur verteilt wird, gründet auf Werten, die ich ablehne, und mir wurde klar, dass ich an Widerspruchstaumel litt: an dem einzigen Vergnügen, das einem noch bleibt, wenn man erst einmal beschlossen hat, dass man mehr weiss als der Rest der Welt. Widersprüche zu akzeptieren, bedeutet, nicht mehr an den Primat des 'wahren Fühlens' zu glauben. Alles ist wahr, und alles findet gleichzeitig statt. Deshalb hasse ich auch Sam Shepard und seinen ganzen 'Der wahre Western'-Kram. Das ist wie bei einer Analyse, als liesse sich das Rätsel lösen, indem man das vergrabene Kind ausgräbt.“
 
  Sylvère fliegt nach Paris zu seiner Mutter, Chris fährt quer durch Amerika und schreibt weiterhin Briefe an Dick. „Dick wird zu ihrer Obsession“, lese ich auf der vierten Umschlagseite. Ich teile diese Einschätzung nicht. Mein Eindruck ist, dass Chris sich selber zur Obsession wird. Sie schreibt auch keine Briefe (obwohl das im Buch so behauptet wird), sondern Tagebuch (teils in Briefform), bringt einen inneren Monolog zu Papier.
 
  Für mich handelt „I love Dick“ von Chris' Auseinandersetzungen mit sich selber. Und einigen sehr intellektuellen Themen der frühen 1990er, die auf mich auch wie eine Art post-60er-Jahre-Aufbruchszeit wirkt. Mit Bezugnahmen auf Simone Weil, Flaubert, Bataille, Habermas etc., die ich sehr anregend und manchmal Augen öffnend fand. „Fassbinder war ein dermassen hässlicher Mann ... Das ist das eigentliche Thema seiner Filme: ein hässlicher Mann, der geliebt werden wollte und nach Liebe suchte.“
 
  Berührend auch die Geschichte von Jennifer Harbury, der Aktivistin und Anwältin, und dem guatemaltekischen Rebellen Efraín Bámaca, die dann wiederum zu Henry Frundts Studie über den Coca-Cola-Streik in Guatemala überleitet. „Er hielt alles fest. Der einzige Weg, das Grosse zu begreifen, führt durch das Kleine. Das ist so wie amerikanische Literatur in der ersten Person.“
 
  Das beschreibt so recht eigentlich auch „I love Dick“.
 
  Die sexuelle Anspielung des Titels ist übrigens irreführend (es geht kaum um Sex, oder nur verbal), doch bestimmt verkaufsfördernd.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.