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Sabine Gruber
Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

C .H. Beck
2016
315 Seiten
ISBN-13: 978-3406697401
€ 21,95


Von Hans Durrer am 14.04.2017

  Der Protagonist dieses Romans ist ein Kriegsfotograf namens Bruno Daldossi und wohl deshalb ist dem Buch (als Motto?) auch dieses Zitat von Christoph Bangert (die Klammerbemerkungen stammen von mir) vorangestellt, das meinen Unmut erregt: „Wie erinnern uns in Bildern (stimmt, insofern als Bilder Gefühle transportieren). Wenn wir uns verbieten, Bilder anzusehen, wie sollen wir das Geschehene im Gedächtnis speichern? (zum Beispiel indem wir uns Geschichten anhören). Woran wir uns nicht erinnern, das hat nicht stattgefunden.“ (Soll das ein Witz sein? Ich erinnere nämlich kaum etwas aus meinem bisherigen Leben ...).
 
  Wir wissen nicht, was Bilder vom Krieg in uns auslösen. Doch wir wissen, dass Bilder Emotionen freisetzen und die Militärs Angst vor Kriegsbildern haben. Und sie deshalb kontrollieren wollen. Grund genug also, sich jeglicher Bilder-Zensur in den Weg zu stellen.
 
  Mich interessiert die dokumentarische Fotografie und ich bin deshalb gespannt auf dieses Buch, das ich jedoch, wie erwähnt, ziemlich negativ gestimmt angehe ... und bin dann bereits auf den ersten Seiten positiv überrascht, wie eine kurze Geschichte von der Überfahrt eines Flüchtlingsbootes mich in ihren Bann zieht. Und ganz viele Bilder in meinem Kopf erzeugt.
 
  Dass jeder und jede ein Buch wieder anders liest, ist ein Gemeinplatz. Also konkret: Ich lese „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ mit dem Fokus auf der Fotografie. „Er musste alles Auffällige festhalten, und um es festhalten zu können, musste es sich wiederholen oder er musste es inszenieren.“ Es sind Sätze wie dieser, die mich zum Selber-Denken anregen und ich deswegen schätze. Warum eigentlich das Auffällige? Macht nicht erst das Foto etwas zum Auffälligen?
 
  Die vielen Bezugnahmen auf Fotografen (etwa Werner Bischof, Inge Morath, Don McCullin, Kevin Carter, Dorothea Lange und immer wieder der von mir wenig geschätzte Robert Capa) und Fotografisches, die meistens interessant, spannend und lehrreich (manchmal aber auch wenig durchdacht) sind, scheinen mir jedoch ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Anders gesagt: sie drängen sich keineswegs auf und sind für die Geschichte eigentlich nicht nötig, ja, sie stehen ihr eher im Wege.
 
  „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ist nämlich nicht in erster Linie ein Buch über Fotografisches, sondern eine Beziehungsgeschichte. „Es war Teil ihrer gemeinsamen Vereinbarung gewesen, dass jeder seine Leidenschaften lebte, ohne den anderen damit zu belasten. Marlis' neue Liebe war schwerwiegend und untragbar für sie beide.“
 
  Überraschend ist das nicht, ist man da versucht zu sagen, denn Eifersucht und Besitzergreifendes gehören nun einmal zu den Gefühlen, die sich so recht eigentlich kaum vom Verstand beeinflussen lassen. Wie Daldossis Nicht-Klarkommen mit der neuen Situation geschildert wird, ist eindringlich, realistisch und überzeugend.
 
  Weniger realistisch fand ich, dass Daldossi ständig an seine Zeit in Bosnien und im Irak denkt. Und dabei vor allem an Frauen und Bilder. Ein vögelnder, saufender und sensibler Mann – klischeehafter geht es kaum. Doch mit den Klischees ist es eben so eine Sache: Sie finden sich in der Wirklichkeit.
 
  Und dann ist da noch Johanna Schultheiss, Journalistin und Ex-Frau eines Kollegen von Bruno Daldossi. „Während Johanna sprach, fiel ihr Blick auf Brunos Hand, die auf seinem Schenkel lag. Diese Finger haben die Verschlüsse von Objektiven für das Grauen der Welt geöffnet; sie haben die Zeit angehalten, und haben sie für die Zukunft gespeichert, dachte sie und blickte aus dem Fenster.“ Gibt es wirklich Leute, die so bedeutungsschwanger denken? Nun ja, möglich ist vieles, wobei eher unwahrscheinlich ist, dass es der Ex-Frau eines Kriegsfotografen durch den Kopf geht.
 
  Mir ist es streckenweise vorgekommen, als ob da jemand beschlossen habe, einen Kriegsfotografie-Roman zu schreiben, in der Folge ganz viel recherchiert hat und dann in dem Vielen ersoffen ist. Weniger wäre mehr gewesen, dachte es gelegentlich in mir, doch hätte ich dann leider auch Sätze wie diesen verpasst. „Dass er endlich begreifen müsse, dass seine Arbeiten nicht nur Entsetzen hervorriefen, sondern auch die Leute verrohten und enthemmten.“ Nicht, weil ich damit einig gehe, doch weil darüber nachgedacht gehört.
 
  „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ hat mich geärgert und fasziniert. Es hat also geschafft, was die meisten Bücher (die plätschern an mir vorbei) bei mir nicht schaffen.
 
  Geärgert hat mich der saufende, ständig in seiner Kriegsvergangenheit lebende Daldossi, der emotional nicht vom Fleck kommt. Das hat weniger mit Sabine Grubers höchst gelungener Charakterisierung zu tun (Säufer bleiben in der Tat emotional stehen), als damit, dass mich solche Typen langweilen. Fasziniert hat mich das Buch vor allem der vielen gescheiten und differenzierten Beziehungs-Beobachtungen wegen: „Wer nicht scheiterte, hatte sich in Johannas Augen abgefunden. Die meisten wussten gar nicht, dass sie längst klein beigegeben hatten.“

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