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Liza Cody
Miss Terry

Argument
2016
Übersetzt von Martin Grundmann
320 Seiten
ISBN-13: 978-3867542197
€ 17,-


Von Hans Durrer am 10.04.2017

  Nita Tehri ist 23, Grundschullehrerin und wohnt in einer ruhigen Strasse. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe wird sie von den Nachbarinnen als nicht wirklich eine von ihnen betrachtet, obwohl sie in England geboren ist. Sie lebt ein unauffälliges, angepasstes Leben und gerät plötzlich in Verdacht.
 
  Sie soll bei der Polizei vorbeischauen, um einen DNA-Text zu machen. Weshalb, das wird ihr nicht erklärt. Von Nachbarn erfährt sie, dass offenbar eine Babyleiche im Abfallcontainer vor dem Haus gefunden worden ist. Dann findet sie eine Babypuppe mit einem durch den Mund getriebenem Nagel vor ihrer Wohnungstür.
 
  Einige Nachbarn gehen auf Distanz, schneiden sie. Ihr wird zu spüren gegeben, dass sie nicht dazu gehört.„Es genügte nicht, britisch sein zu wollen. Das musste man sich verdienen, Tag für Tag, das ganze Leben lang.“ Die Ausgrenzung von Miss Terry, die immer schon bestanden hat (sie heisst so recht eigentlich Tehri), nimmt zu, wie auch der latente Rassismus ihrer Umwelt.
 
  Die üblichen Probleme in der Schule sind auch nicht ohne. Die Mutter eines gemassregelten Kindes beschimpft sie, der stellvertretende Schulleiter springt ihr bei: „Sich in ihre verzerrte Sicht der Dinge einzufühlen, nützt ihnen gar nichts, wenn sie auf Sie losgeht. Sie wird es nur als Schwäche auffassen. Glauben Sie mir, den Typ kenne ich zur Genüge.“
 
  Doch dann erklärt ihr der Schulleiter, es sei besser, wenn sie – es gebe massive Anschuldigungen – vorerst zu Hause bleiben würde. Sie ist verunsichert, sucht die Schuld bei sich. „Was hatte sie getan, dass so viele Leute glaubten, sie hätte ein Baby getötet?“
 
  Das ist wunderbar subtil und spannend geschildert. Vor allem das Porträt der naiven, ständig zweifelnden Nita Tehri, der auch eine ausgeprägt realistische Seite eigen ist („Wie konnte ich dermassen dämlich sein? Tja, die Antwort lautet – so bin ich einfach.“), ist hervorragend gelungen.
 
  Dem Sog, in den sie hineingezogen wird, kann man sich fast nicht entziehen. Wer einmal verdächtig geworden ist, kommt nur schwer wieder davon los. Doch es gibt auch solche, die ihr mir Rat und Tat zur Seite stehen – ein schwules Nachbarpärchen, eine Arbeitskollegin, ein Obdachloser, ein Privatdetektiv, der sich dann allerdings als Hochstapler entpuppt.
 
  Liza Cody führt mit Miss Terry eindrücklich vor, wie dünn die Schicht unseres angelernten sozialen Verhaltens ist, wie schnell sie einreissen kann. Es braucht nur wenig und das vermeintlich Zivilisatorische ist dahin.
 
  Gleichzeitig ist Miss Terry auch eine Geschichte darüber, wie sich eine junge Frau recht unbeholfen dagegen wehrt, zum Opfer ihrer Umgebung (ihrer Familie/Sippe, ihrer Nachbarn, zufälliger Bekannter) zu werden. Und dabei zunehmend mutiger wird. Es ist ein Kampf, den Nita Tehri mit sich selber führt. „Ihr graute vor diesem Selbst, dem es vor dem freien Willen graute und das Angst davor hatte. Entscheidungen selbst zu treffen.“
 Fazit: Skurril, witzig, differenziert und eindrücklich.

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