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Lee Child
Der Anhalter
Ein Jack-Reacher-Roman
(A Wanted Man)

Blanvalet
2016
Übersetzt von Wulf Bergner
448 Seiten
ISBN-13: 978-3734103001
€ 9,99


Von Hans Durrer am 03.04.2017

  Lee Child ist bekannt für seine Jack-Reacher-Romane. Ich habe einige von ihnen gelesen, keiner hat mich gelangweilt, im Gegenteil, alle haben mich gefesselt. Wie macht der Mann das bloss? Das ist mehr eine rhetorische Frage, denn Krimis zu analysieren bringt es irgendwie nicht. Jedenfalls für mich nicht. Auch die Frage, ob es sich bei Krimis um Literatur handeln könnte, beschäftigt mich nicht. Weil mich Kategorien nicht (mehr) interessieren.
 
  In jungen Jahren lehnte ich alles ab, was Mainstream war. Also alles, was sich verkaufte, was kommerziell erfolgreich war. Das hat sich geändert. Nicht in dem Sinne, dass mich nun alles, was Mehrheiten findet, plötzlich begeistert. Natürlich nicht, schliesslich ist auch Donald Trump mit einer Mehrheit der Elektoren-Stimmen gewählt worden. Und Hillary Clinton, die die Mehrheit der Wähler hinter sich gehabt hat, wäre ja nun auch keine wirkliche Alternative gewesen. Also her mit den Verlierern! Allemal!
 
  Doch zurück zu Lee Child beziehungsweise Jack Reacher. Der ist eindeutig Mainstream – und ich bin eindeutig begeistert. Jedesmal. Auch bei „Der Anhalter“.
 
  Für die, die ihm bislang noch nicht begegnet sind: Jack Reacher ein Meter fünfundneunzig gross, von kräftiger Statur, ein ehemaliger Militärpolizist, ohne festen Wohnsitz und ohne Hab und Gut. Ein Einzelgänger, der oft per Anhalter unterwegs ist.
 
  Er lebt nicht wie andere, hat andere Prioritäten.
  „Wieso sind Sie nirgends sesshaft?“
  „Besitzen Sie ein Haus?“
  „Natürlich.“
  „Ist das immer ein reines Vergnügen?“
  „Nein.“
  „Da haben Sie Ihre Antwort.“
 
  Dieses Mal wird er von zwei Männern und einer Frau mitgenommen. Im Laufe der Geschichte wird klar, dass die beiden Männer Killer sind und die Frau von ihnen gekidnappt wurde. Neben der örtlichen Polizei interessieren sich auch die CIA und das FBI für die Killer. Und dann nimmt der Fall unvermutet noch weit grössere Dimensionen an.
 
  „Der Anhalter“ lässt den Leser (und die Leserin) an den Überlegungen der Protagonisten – Jack Reacher, FBI Special Agent Julia Sorenson – teilnehmen; beide spielen jeweils verschiedenste plausible Szenarien im Kopf durch. Das ist lehrreich und unterhaltsam.
 
  So nebenbei erfährt man auch reichlich Interessantes der vielfältigsten Art. Etwa, dass es nur neun US-Grossstädte mit über einer Million Einwohnern gibt oder dass die meisten Leute zwar importierte Kleider tragen, doch Unterwäsche aus ihrem Herkunftsland bevorzugen. „Es ist eine grosse Sache, ausländische Unterwäsche anzuziehen. Fast wie Verrat oder Auswanderung.“
 
  Zudem ist „Der Anhalter“ auch witzig.
  So heisst etwa der Mann vom Aussenministerium, der sich auch für den Fall interessiert, Lester L. Lester, jr., was den FBI-Agenten Mitchell zur Frage verleitet, ob sein zweiter Vorname auch Lester sei. „Er sagte: 'Das ist er allerdings.' 'Klasse', sagte Mitchell.“
 Der Manager eines abgelegenen Motel wird so beschrieben: „Der Mann war ungefähr dreissig, vorzeitig kahl, etwa eins fünfundsechzig gross und ungefähr eins sechzig breit.“
 Mein Lieblingsdialog geht so: „Sie widersetzen sich praktisch ihrer Verhaftung. Würde ich Sie erschiessen, wäre ich im Recht.“
 „Dann tun Sie's doch. Glauben Sie etwa, dass ich ewig leben möchte?“
 
  Lee Child weiss nicht nur spannend und in einem No-Nonsense-Stil zu erzählen, er vermittelt auch ein Amerika jenseits der Klischees und der Hochglanzprospekte. „Auf seinen Reisen hatte er unzählige geschlossene Motels gesehen. Amerika war voll von ihnen. Sie gleichen kleinen Zeitkapseln erstarrter Relikte aus einer früheren Ära, manchmal schlicht, manchmal abenteuerlich futuristisch, stets Zeugen des langen, traurigen Niedergangs der Kräfte und des Ehrgeizes ihrer Besitzer, stets Beweis dafür, wie der Publikumsgeschmack sich verändert hatte.“
 
  Als „resolut, verantwortungsbewusst, entschlossen, kenntnisreich und scharfsinnig“, schätzt FBI Special Agent Julia Sorenson Jack Reacher ein. Das trifft genau so auch auf „Der Anhalter“ zu.

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