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Lionel Davidson
Der Rabe
(Kolymsky Heights)

Penguin
2016
Übersetzt von Walter Ahlers und Christian Spiel
672 Seiten
ISBN-13: 978-3328100027
€ 10,-


Von Hans Durrer am 03.04.2017

  Die englische Originalausgabe dieses Thrillers erschien 1994. Mit anderen Worten: „Der Rabe“ ist ein Klassiker. Keiner, der ins Regal gehört, einer, der zu lesen sich lohnt.
 
  In der sibirischen Steppe befindet sich ein unterirdisches russisches Forschungslabor. Wer einmal dort ist, bleibt für immer dort. Und natürlich gefällt nicht allen, in Verbannung zu leben. Zumindest einer will, dass die dortigen Forschungsergebnisse nicht geheim bleiben. Soweit die Ausgangslage.
 
  Zu den Dimensionen: Russland ist 48mal grösser als die Bundesrepublik Deutschland. Sibirien, im Winter unter Schnee und Eis, im Sommer ein riesiges Sumpfgebiet. Das bewaldete Territorium ist allein eineindrittel Mal so gross wie das Territorium der Vereinigten Staaten.
 
  Eines schönen Tages erhält Professor Lazenby in Oxford einen an ihn adressierten Briefumschlag, ohne Brief und ohne Absender. Er findet heraus, dass die verschlüsselte Nachricht vom Biologen Rogatschow stammt, der in Sibirien an einem streng geheimen Projekt mit Tieren forscht und wünscht, dass Johnny Porter, der Rabe, ihn aufsuche. Lazenby wird nach Kanada geschickt, um Porter dazu zu bewegen, sich nach Sibirien aufzumachen. Die Schilderung der Weite Kanadas gibt dabei einen Vorgeschmack auf die Weite Sibiriens.
 
  Allein die Art und Weise, wie der Autor den vielfältigst interessierten Johnny Porter charakterisiert (ein sprachbegabter Gitskan-Indianer aus dem kanadischen British Columbia, der zum Clan der Raben gehört – „Alle Raben sind doppelzüngig. Der Rabe ist ein Schwindler. Er ist sehr einfallsreich. Er stahl die Sonne und brachte Licht in die Welt. Er tut Gutes, aber nur versehentlich. Er ist sehr vorsichtig. Er hat zu nichts Vertrauen. Man kann ihm nicht trauen.“ – sowie eigensinnig und einzelgängerisch ist) hebt diesen Thriller aus der Masse heraus.
 
  Johnny Porter setzt sich für die Rechte der Indianer ein und ist deshalb Regierungen, die seiner Meinung nach die Dinge immer so hinbiegen, wie sie ihnen passen, gegenüber höchst skeptisch. Trotzdem gelingt es dem CIA, ihn zu überzeugen, Rogatschows Ansinnen Folge zu leisten. In Japan wird er in der Folge mit seiner Legende ausgestattet und seine Reise auf einem Frachter Richtung Beringstrasse organisiert. Seine Geschichte muss wasserdicht sein, sie muss auch späteren Untersuchungen standhalten können – das alles ist sehr überzeugend geschildert.
 
  Porter gelingt es, Zugang zum Forschungslabor zu finden und mit einem Gürtel, der eine Diskette mit Geheiminformationen enthält, zu fliehen. Meisterhaft, wie Lionel Davidson diese Flucht beschreibt, bei der ein cleverer General dem Protagonisten Porter dicht auf den Fersen ist.
 
  „Der Rabe“ ist auch eine Geografie-Lektion – Kanada, Japan und Sibirien werden höchst anschaulich gezeichnet. Und auch von Schiffswerften und dem Leben auf Frachtern (hoch spannend, wie der Bootsmann Porter auf der Fahrt durchs Eismeer fertigmachen will) kriegt man einiges mit – es ist ein höchst lehrreicher Thriller, der unterhaltsam und differenziert darüber aufklärt, was es alles braucht, um ein guter Schläfer zu sein und gleichzeitig aufzeigt, dass Russalnd etwas anders tickt als die westliche Welt. „Er zeigte seinen Flugschein vor und reihte sich ein. Das Flugzeug war eine uralte, dreimotorige Jak, der Kurzstreckensarg des Nordens. Drinnen herrschte ein Chaos, eine wogendes Durcheinander von Rucksäcken und Skiern. Ungefähr sechzig Männer waren an Bord, und Porter wurde neben einen europäischen Russen gedrängelt, einen zugeknöpften Menschen, offensichtlich Akademiker, der über die lärmenden, undisziplinierten Asiaten ein wenig die Nase rümpfte.“
 
  Kenntnisreich, detailliert, plausibel. „Der Rabe“ ist eine intelligente, spannend erzählte Studie über Schläfer. Wie jeder gute Thriller erklärt auch dieser menschliches Verhalten weit besser als viele noch so wissenschaftliche Untersuchungen. Kein Wunder, machen sich Geheimdienste denn gelegentlich auch bei Thriller Autoren kundig.

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