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Friedrich Dürrenmatt
Die Physiker
(1961)

Diogenes
1998
95 Seiten
DM 9,90


Von Alfred Ohswald am 29.10.2000

  Eine kleine Abteilung in einer Irrenanstalt in der Schweiz hat drei Insassen, die sich für die berühmten Physiker Newton, Einstein und Möbius halten. Newton hat vor einiger Zeit eine Krankenschwester ermordet und jetzt geschah die gleiche Tat durch Einstein. Der ermittelnde Inspektor kann aber die unzurechnungsfähigen Täter nicht zur Verantwortung ziehen und muss frustriert das Feld räumen. Der Leiterin der Anstalt, der etwas skurrilen Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd wird aber dringendst empfohlen, männliche Pfleger anstatt der Krankenschwestern anzustellen.
  Bald darauf erhält Möbius, der glaubt vom Geist König Salomons heimgesucht zu werden, Besuch von seiner gerade von ihm geschiedenen und neu verheirateten Frau und seinen Kindern. Es endet damit, dass er sie wütend verjagt. Die Krankenschwester Monika durchschaut seine Absicht, die Trennung für alle Beteiligten leichter und endgültig zu machen, und Möbius gibt zu, dass sie damit recht hat. Danach gesteht ihm Schwester Monika ihre Liebe zu ihm und auch er gibt zu, in sie verliebt zu sein. Und kurze Zeit darauf stirbt sie durch seine Hand. Die Untersuchung durch die Polizei erfolgt wie üblich, doch Fräulein Dr. von Zahnd willigt jetzt ein, männliches Pflegepersonal einzustellen.
  Newton gibt sich Möbius gegenüber, der in seiner vorherigen Existenz bahnbrechende Erkenntnisse in der Physik machte, als Geheimagent zu erkennen, der sich in die Anstalt eingeschmuggelt hat um ihn für sein Land zu gewinnen. Und auch Einstein bekennt sich als Geheimagent, allerdings von einem anderen Land. Während sie versuchen Möbius für ihre jeweilige Regierung zu gewinnen, erklärt ihnen dieser die Gefährlichkeit seines Wissens für die gesamte Menschheit und das er darum seine Unterlagen vernichtete. Nach ausführlichen Abwägen gelangen sie alle Drei zu dem Beschluss, im Irrenhaus zu bleiben um die gefährlichen Konsequenzen von Möbius Wissen so gut als möglich zu verhindern. Doch es erwartet sie noch eine schlimme Überraschung.
 
  Dürrenmatt behandelt in dem Stück das Problem der Auswirkungen von Erkenntnissen in der Wissenschaft, und speziell der Physik auf die Menschheit. Vor allem die Erfindung der Atombombe mit ihren weltumspannenden Vernichtungspotenzial gaben den Anstoß für dieses Werk. In erster Linie geht es ihm um die Verantwortlichkeit der Wissenschaftler für die Konsequenzen ihrer Forschungen, aber im Weiteren auch um die Frage, wer diese Verantwortung tragen soll, wenn die Wissenschaftler es nicht tun. Die meisten Schlüsselsätze wie „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“, „Was alle angeht können nur alle lösen. Jeder Versuch eines einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“ oder „Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns zugrunde.“ haben auch heute noch Gültigkeit aber sie wirken auch etwas banal.
  Die Bezeichnung „Komödie“ passt wohl eher auf den ersten der beiden Akte, wo der Leser oder das Publikum vor allem durch die beiden Figuren des Inspektors und der resoluten Oberschwester auf humorige Weise in die Geschichte eingeführt werden. Der zweite Akt hat dann eine völlig anderen Charakter und widmet sich fast gänzlich der philosophischen Betrachtung und Auseinandersetzung.
  Der Schluss kann aber als sehr weise Voraussicht gesehen werden, obwohl hier die Physiker heute eher durch die Biologen zu ersetzen werden. Versuchen doch heute die Großkonzerne in der Biotechnologie alles und jedes, und vor allem die Natur selbst mittels Patenten in ihre Hand zu bekommen.
  In dieser 1980 für die Werkausgabe aktualisierten Fassung hat Dürrenmatt des Stück in eine eher literarische Fassung gebracht. Obwohl es immer noch in Form eines Bühnenstücks geschrieben ist, ist es hier doch in erster Linie für den Leser des Textes angepasst.

Von Johann F. Janka am 09.11.2000

  Die, im Stil eines Drehbuches gestaltete, Geschichte spielt in einer ehemaligen Villa, dem privaten Sanatorium „Les Cerisiers“ in der Schweiz der sechziger Jahre. Die Protagonisten sind drei Insassen der Anstalt, sowie ein Kriminalinspektor und die Leiterin des Irrenhauses.
 Drei der Insassen des Sanatoriums, die Physiker: Ernst Heinrich Ernesti, Herbert Georg Beutler und Johann Wilhelm Möbius halten sich für Einstein, Newton und König Salomo.
 Der Inspektor tritt in Szene, da nun wiederum ein Mord in der Anstalt passiert ist. Nun hat "Einstein" ebenfalls seine ihm zugeteilte Aufsicht, Schwester Irene Straub ermordet. Vor einigen Tagen hatte "Newton" seinerseits, seine Aufsicht Schwester Dorothea Moser umgebracht. Der Inspektor sieht sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber, da einerseits keine Motive für die Taten vorhanden, andererseits er aber auch keine Erhebungen, Verhöre und Ermittlungen vornehmen kann, da es sich bei den Tätern schließlich um Verrückte handle und diese ja bereits in einer Anstalt untergebracht sind.
 Als nun auch der 3. im Bunde, Möbius, die ihm zugeteilte Schwester ermordet fordert die Behörde strengere Maßnahmen innerhalb der Anstalt, welchen die Anstaltsleiterin und Eigentümerin der „Villa“, Frl. Doktor Mathilde von Zahnd, auch sofort nachkommt. In dem Trakt, wo sich die drei Physiker befinden, werden ab sofort nur mehr gut trainierte, Muskelmänner die Betreuung der verrückten Mörder übernehmen um der Gefahr weiterer Morde gänzlich ihren Schrecken zu nehmen und den Ruf des Sanatoriums wieder zu bessern.
 
  Friedrich Dürrenmatt erzählt diese Kriminal-Kurzgeschichte sehr humorvoll auf höchstem Niveau. Geistreich versteht es der Autor auf faszinierende Weise Humor und Spannung mit hohem Niveau zu paaren. Geschickt versteht Dürrenmatt die pointierte Auflösung der Handlung als Knalleffekt in Szene zu setzen und den Leser immer näher an den wahren Hintergrund seines Werkes heranzuführen. Sehr empfehlenswert!

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