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Martin Walser
Statt etwas oder der letzte Rank

Rowohlt
2017
176 Seiten
ISBN-13: 978-3498073923
€ 16,95


Von Hans Durrer am 22.03.2017

  Er bezeichnet es als „die Erzverführung zu allem: etwas genau wissen zu wollen.“ Wer alles genau wissen muss, ist sich abhanden gekommen, wird terrorisiert, ist nicht mehr sich selber. „Es kommandierten die Theorien, jede mit einem Extra-Erlösungsversprechen. Allmählich waren die Verführungsfeuerwerke der Theorien erloschen.“ Wer so schreibt, hat meine uneingeschränkte Sympathie. Weil es mir auch so geht. Und weil es keine theoriefeindliche Aussage ist, denn „Theorien sind grossartig.“
 
  Alles hat seine Zeit. Für den Erzähler von „Statt etwas oder der letzte Rank“ ist es mittlerweile der Satz, den er sich öfter sagt: „Zu träumen genügt.“ Und auch noch ein anderer: „Ich hoffe mehr, als ich will.“ Gute Sätze, wichtige Sätze, hilfreiche Sätze, die mich an Zen-Buddhistisches gemahnen.
 
  Laut Verlag ist dieser schlanke, knapp 170 Seiten zählende Band „ein Roman, in dem es in jedem Satz ums Ganze geht.“ Nun ja, nicht bei jedem, doch bei einigen. Aber ein Roman? Eher ein monologisierendes Nachdenken über ziemlich viel, besonders Frauen und dem Erzähler feindlich Gesinnte. Nicht von Martin Walser, soll uns weisgemacht werden, sondern, zu Beginn des Buches, von einem ihm Nahestehenden. „Weil er sich nicht traute, etwas von sich zu erzählen, erzählte er es so, als handle es sich um einen Bekannten.“
 
  Er berichtet davon, dass er immer schon ein schlechtes Gewissen gehabt habe. „Gewissensbisse erscheinen denen, die immer richtigliegen, falsch.“ Ein gutes Gewissen hatte etwa die Familie von Weizsäcker, die sowohl dem Nationalsozialismus als auch der Demokratie zu Diensten war. Oder Thomas Mann, der bis 1918 erzkonservativ, ab 1918 „demokratisch leuchtend, inklusive SPD“ war – wie es die Opportunität gebot.
 
  „Wer mit sich selbst nicht übereinstimmt, wird es nie dazu bringen, in einer öffentlich gewordenen Moral rühmlich aufgehoben zu sein.“ Schon möglich, doch umgekehrt gilt es ebenso – denn mit sich selber übereinzustimmen, kann einen von einer öffentlich gewordenen Moral ganz schön entfernen.
 
  Der schöngeistig-abgehobene Klappentext macht mich schmunzeln: „Eine verwobenes Gebilde, auch wenn es seine Verwobenheit nicht zeigen will oder sogar versteckt.“ Vermutlich gibt es Leute, die aus einem solchen Satz schlau werden. Ich gehöre nicht dazu. Für mich ist dieser schmale und vielfältig anregende Band ein Dokument eines ziemlich planlosen Vor-Sich-Hin-Denkens. Viele Sätze gefallen mir, verleiten mich dazu, sie zwei-, ja dreimal zu lesen. Sie formulieren Gedanken, die ich selber so noch nicht gedacht habe (mein Hauptgrund, Bücher zu lesen). „Eine Niederlage hat keinen Grund. Das, was dir als Grund für deine Niederlage erklärt wurde, war die Begründung einer Machtausübung. Jemand hatte eine Macht. Je deutlicher er dir deine Niederlage erklärte, desto mehr erlebte der Ausübende seine Macht.“
 
  Dann aber gibt es Passagen, die ich ziemlich gaga finde (ich bin kein Germanist): „Ich huste, also bin ich. Ich bin eine blühende Wiese. Der liebe Gott ist ein Masseur mit Händen aus Musik. Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt.“ Das steht da so, in dieser Reihenfolge. Gefolgt von einem Satz, den ich echt toll finde: „Die Vögel singen, als wüssten sie Bescheid.“
 
  Ein kindliches Ich, ein an der Welt leidendes Ego, äussere sich hier, liess sich eine Kritikerin vernehmen. Schön möglich, nur beschreibt das so recht eigentlich uns alle (vermutlich auch die Kritikerin) und nicht etwa nur Martin Walser, der eindrücklich klar macht, dass Wörter auch Waffen sind. „Es war ein Morgen im Frühling. Ein Versprechen ringsum. Ich verstand die Sprache der Vögel. Das Winken der Zweige galt mir. Und die Bäche schwätzten mit silbernen Zungen. Die Blumen sagten ihren Namen wie zum ersten Mal. Blumennamen merkte ich mir. Gegen den schwarzen Schlund. Der hat keinen Namen. Ein Gesicht, gefrässig, gierig, grell. Gemein. Mich kriegte er nicht, solange ich Wörter hatte. Die Verstummten hat er gekriegt. Mein Mund war eine gute Wehr. Wörter, ein glitzerndes Gut. Ich musste nicht sehen, was ich sagte, Woher mein Mund hatte, was er sagte, musste ich nicht wissen. Von früher vielleicht. Der schwarze Schlund war von heute. Er schluckte und schluckte, und was er schluckte, gab es nicht mehr. Meinen Mund und mich kriegte er nicht. Die Wörter waren unsere Wehr.“
 
  Solcher Sätze wegen lese ich Bücher. Und wegen diesen hier: „Ich bin nicht so naiv, Träume auf ihre Bedeutung hin zu verhören. Jede so genannte Traumtheorie ist, als wollte man mit einem Schaufelbagger einen Schmetterling fangen.“ Offenbar ist doch nicht jede Theorie grossartig.

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