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Jon Bassoff
Zerrüttung
(Corrosion)

Polar Verlag
2016
Übersetzt von Sven Koch
308 Seiten
ISBN-13: 978-3945133415
€ 14,90


Von Hans Durrer am 13.03.2017

  Eine heruntergekommene Kleinstadt im nordamerikanischen Nirgendwo. Der Irak-Veteran Joseph Downs, dessen Gesicht im Krieg enstellt wurde, betritt eine Bar und sieht zum Rechten, als eine Frau von ihrem Mann misshandelt wird. Der Einstieg in den erstenTeil – Joseph Downs (2010) – dieses Kriminalromans ist wunderbar gelungen; er erinnert an eine Western-Szene.
 
  Die Frau heisst Lilith. Joseph und sie haben in der Folge eine Affäre. Sie wünscht sich von ihm, dass er ihren Mann umbringt. Und er tut es. Wieso er es tut, macht der Autor dem Leser (der natürlich auch eine Frau sein kann) nicht plausibel.
 
  Obwohl: „Ich red einfach nicht gern über die Vergangenheit. Tut mir nicht gut.“ Man darf daraus (und aus anderem mehr) wohl schliessen, dass Joseph Downs seine Kriegsdämonen mit sich rumträgt. Und dass, wer im Krieg getötet hat, ein anderes Verhältnis zu Gewalt, Mord und Totschlag entwickelt (so tötet er etwa, mir nichts, dir nichts, eine Sau. Und ... doch ich will hier nicht die ganze Geschichte verraten .....) als Menschen, die ihr Leben lang in einem Büro gesessen sind oder, wie der Autor, als Lehrer ihr Brot verdienen.
 
  Wie auch immer: Der erste Teil von „Zerrüttung“ handelt wenig von Motiverörterung, sondern schildert Gewaltexzesse, die jederzeit und recht unvermittelt geschehen. Warum-Fragen figurieren nicht prominent im ersten Teil dieses Buches. Kein Wunder, denn er schliesst so: „Man hat keine Wahl. Es gibt keinen freien Willen.“
 
  Die Stärke dieses Kriminalromans liegt in seiner einfachen, knappen Sprache. Und damit im Atmosphärischen. „C'est le ton qui fait la musique“, heisst es bekanntlich. Der Sound der Sprache ist das eigentliche Markenzeichen von Jon Bassoff. Wobei der erste Teil – Joseph Downs (2010) – sich vom zweiten Teil – Benton Faulk (2003) –, einer Rückblende, nicht zuletzt dadurch unterscheidet, dass letzterer sprachrhythmisch rasanter daherkommt. Der dritte Teil – wiederum Joseph Downs (2010) – hängt auch sprachlich wiederum an den ersten Teil an.
 
  In Teil drei lernt Joseph Downs unter anderem, dass Lilith ihn verarscht hat.
 „Warum ich? Warum hast du mich ausgesucht?
  Lilith betrachtete mich schweigend und schüttelte dann den Kopf. Mann, was glaubst du denn?
  Ich hab dir nichts getan. Ich wollte dir nur helfen.
  Mir helfen? Wow, was für ein edler Ritter. Du wolltest mich vor meinem Mann schützen. Wolltest das Land vor Terroristen schützen. Ein echter Held! Nur dass ich überhaupt nicht von dir beschützt werden wollte. Ich wollte die Gewalt von dir. Kapierst du jetzt, wie nützlich du bist?“
  Unverblümter hat man das Soldatendasein selten auf den Punkt gebracht.
 
  Die Auflösung der ziemlich vertrackten Geschichte erfolgt, wie es sich gehört, zum Schluss, in Teil vier – Raymond Wells (2011). Und sie ist einigermassen überraschend. Der Priester, der darin die Hauptrolle spielt, will die Welt retten. „Die Main Street war so widerlich wie erwartet, überall stank es nach Schnaps und Sex, und ich predigte vierzig Tage und Nächte ohne Unterlass, bekehrte eintausend, mindestens, und verwandelte Schmerz in Freude, Höllenqual in himmlische Lust. Aber von Zeit zu Zeit sah ich eine Teufelin ...“.
 
  Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiss der Leser, dass dieser Kriminalroman mit der wirklichen Welt eher wenig zu tun hat, denn im prüden Texas gibt es keine solche Main Streets. Doch es gibt da Huren, die dem richtigen Leben nachempfunden sind. „Mich braucht niemand retten, sagte sie. War bis jetzt auch nicht nötig.“
 
  Wunderbar lakonisch. Ich mag das. Sehr.

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