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Joachim Schulte
Wittgenstein

Reclam
2016
264 Seiten
ISBN-13: 978-3150193860
€ 8,80


Von Hans Durrer am 20.02.2017

  Im Nachwort zu dieser Einführung klopft sich Autor Jürgen Schulte selbst auf die Schulter. Er freue sich, dass sich dieser (sein) Text aus dem Jahre 1989 (die vorliegende Ausgabe ist die zweite) wacker gehalten habe, notiert er. Und: „Mir ist kaum etwas aufgefallen, was ich jetzt völlig anders sagen würde, obwohl ich heute sehr viel stärker zögern würde, eine solche Einführung überhaupt zu schreiben.“
 
  Schön, wenn das ein Autor von einem seiner Texte sagen kann. Und wie liest sich nun diese Einführung? Für einen Laien wie mich, der Wittgenstein fast nur dem Namen nach kennt, ist dies zuallererst ein klar und gut formulierter Text.
 
  Bekannt gemacht wird der Leser neben Wittgensteins Werdegang unter anderem auch mit seinen Eigenarten. So nahm etwa die Musik einen bedeutenden Stellenwert ein. Zentral war ihm das Durchdringen der Dinge, weniger und nicht etwa vieler. „Einem Freund gab er den Rat, sich in einem Museum nur ein einziges Bild anzuschauen, dieses aber genau, und dann wieder hinauszugehen.“
 
  Im Mittelpunkt dieser Einführung steht die Philosophie. Joachim Schulte handelt sie detailgenau, gut strukturiert, mit einem Sinn fürs Ganze ab. „Wie der 'Tractatus' zu lesen ist“, ist das erste Kapitel überschrieben und schon da macht er deutlich, dass man Wittgenstein nicht einfach so lesen kann, sondern dass seine Ausführungen (ja klar, ich spreche von mir) am besten langsam und konzentriert gelesen werden sollen. Was einschliesst, dass man einen Satz ruhig auch zweimal lesen darf.
 
  Besonders sympathisch ist mir übrigens, dass Wittgenstein von Tolstois sittlichen Lehren und Dostojewskis Einsichten in die Seele angetan war. Das liegt natürlich daran, dass es mir auch so geht. Anders gesagt: Es geht mir hier nicht um eine Würdigung dieses Werkes, denn dazu fühle ich mich in keinster Weise befähigt, sondern nur darum, auf ein paar Gedanken hinzuweisen, die ich beim Hineinlesen anregend gefunden habe.
 
  Etwa, es handelt sich hier um ein Wittgenstein-Zitat: „Die Lösungen der philosophischen Fragen dürfen nie überraschen. Man kann in der Philosophie nichts entdecken.“ Was ist dann Sinn und Zwecke der Philosophie? Die logische Klärung der Gedanken. „Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam, trübe und verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen.“ Was können wir erkennen, was nicht? Davon handelt Philosophie. Ihr Geschäft ist demnach die Kritik, so Joachim Schulte.
 
  Von den wenigen Sätze des 'Tractatus' ist mir der geblieben, der wohl vielen anderen auch geläufig ist. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Das leuchtet ein, doch was meint der Satz, der ja vermutlich nicht einfach eine Binsenwahrheit ausspricht? Joachim Schulte erläutert ihn überzeugend. „'Sprechen' heisst hier soviel wie 'sinnvolle Aussagen machen'. Wittgenstein will also darauf hinaus, dass man dort, wo keine sinnvollen Aussagen möglich sind, auch nicht den Versuch machen darf, so zu reden, als könne das, was man sagt, eventuell doch noch Sinn haben.“
 
  Und gerade noch ein Beispiel, weswegen sich die Lektüre dieses feinen Textes lohnt. Es betrifft das Sehen, von dem Wittgenstein schreibt: „nichts am Gesichtsfeld lässt darauf schliessen, dass es von einem Auge gesehen wird.“ Joachim Schulte führt aus: „Mein Gesichtsfeld ist zwar geprägt dadurch, dass es aus meiner Sicht gesehen wird, doch das Gesichtsfeld selbst weist weder meinen eigenen Gesichtspunkt noch den der anderen auf. Mein Gesichtsfeld ist zwar radikal das meine – ich kann es unmöglich mit anderen teilen – , doch gerade weil es in hier in gewissem Sinne weder 'mein' noch 'dein' gibt, kann ich genausogut von dem Gesichtsfeld sprechen. Die Angabe des Besitzers ist 'logisch' überflüssig.“
 
  Wer, wie ich, an solchen Klärungen seine Freude hat, sollte sich dieses Buch vornehmen.

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