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André Vladimir Heiz
Entsorge dich
Freitod als Möglichkeit

Klever Verlag
2016
160 Seiten
ISBN-13: 978-3903110090
€ 18,-


Von Hans Durrer am 05.02.2017

 Mit diesen Worten leitet André Vladimir Heiz seinen Essay ein:
  „Es geht um den Tod, beginnen wir mit dem Leben. Wir? Das ist wie alles, was uns betrifft, schneller gesagt als getan. Im Wir spiegelt sich, was wir im Leben als Zeichen erkennen: Die Liebe, die Zugehörigkeit und alles, was sich daraus ergibt. Das Wir bringt auf den Punkt, was mit dem Leben beginnt. Mit einem Wort ist angesprochen, was wir im Leben suchen: Sinn und Verständnis. Einfach ist es nicht, weil sich hinter dem Wir, das wir schnell einmal zur Hand haben, die Frage nach seiner Bedeutung verbirgt. Darauf sucht das Leben eine Antwort.“
 
  Oh nein, schoss es mir durch den Kopf, bitte keine Zeichentheorie, als ich las: „Im Wir spiegelt sich, was wir im Leben als Zeichen erkennen.“ Andererseits, der Autor ist unter anderem Semiotiker, da ist so ein Ansatz naheliegend. Nur eben, mein Ding ist das gar nicht. Zu viel Theorie, zu viel Zuschreibung, zu viele Behauptungen/Argumente. Und überhaupt: ich suche keinen Sinn und auch kein Verständnis im Leben, ich wäre total zufrieden (stelle ich mir vor), wenn ich das Leben einfach erleben könnte, also gegenwärtig und nicht immer im Kopf woanders wäre. So viel zu meinen Voreingenommenheiten.
 
  „Entsorge Dich“ ist ein anspruchsvoller Text, ein intelligenter Text, ein intellektueller Text. Letzteres meint, das viele der darin gestellten Fragen eher von akademischer, denn von praktischer Relevanz sind. Etwa: „Macht es Sinn, jemand zu sein? Macht es Sinn, ein anderer, eine andere zu werden? Macht es Sinn, etwas zu haben? Macht es Sinn, etwas zu tun?“ Anders gesagt: Es handelt sich vor allem um Spiele, Kopfspiele. Die sind anregend. Und auch interessant. Jedenfalls für die, die so was mögen. Mich selber packen sie nicht so sehr.
 
 Doch immer wieder gibt es Passagen, die mich in ihren Bann schlagen. Es sind sehr dichte Passagen; es empfiehlt sich, sie nicht zu überfliegen, sondern langsam zu lesen. „Ja oder nein zieht meistens eine Begründung oder den Kanon der Argumentation nach sich.. Es besteht immer die Möglichkeit, ja, aber oder nein, doch zu sagen. Jede voreilige Relativierung kann indes ins Uferlose führen, weil der Geist willig ist.“ Soweit so gut, doch dann kommt aus heiterem Himmel die Behauptung: „Alles und nichts kommt nicht in Frage.“ Warum nicht? Und dann folgt: „Die Verführung des Denkens sträubt sich oft, eine klare Entscheidung zu fällen.“ Schiefer geht es fast nicht: Wie kann sich eine Verführung bloss sträuben?
 
  Eines der Kapitel handelt vom Glauben und ist mit „Wir glauben an das Gute“ überschrieben. Es ist ein Thema, das mich ganz besonders interessiert. Neben mir gänzlich unverständlichen Sätzen (Etwa: „Glauben heisst die Ungebärde, die sich an das Leben verdingt.“), steht da auch eine Behauptung, eine zentrale, die ich teile, obwohl ich mit der Formulierung hadere: „Wir glauben, dass wir uns verändern, verbessern oder so bleiben können, wie wir sind. Glauben ist das auslösende Moment unserer Entscheidung. Darauf kommt es an, Alles Weitere ergibt sich daraus.“ Der Glaube, so interpretiere ich das, geht also der Entscheidung vor. Wirklich? Ich habe Mühe mit dem Ursache-/Wirkung-Denken, wenn es auf unbewusste beziehungsweise uns nicht bekannt sein könnende Vorgänge angewendet wird. Von der Bedeutung und Wichtigkeit des Glaubens als dem motivierendem Faktor bin ich hingegen überzeugt. „Man is made by his belief. As he believes, so he is“, heisst es in der 'Bhagavad Gita'.
 
  Ich habe es nicht geschafft, dieses sprachlich eigenwillige, gedankliche Feuerwerk an einem Stück beziehungsweise in chronologischer Abfolge zu lesen. Stattdessen habe ich mir immer mal wieder ein Kapitel vorgenommen, stolperte jedoch gelegentlich bereits über den ersten Satz. „Der Selbstmord liegt in den Händen von Juristen, als ob sich diese ermächtigen könnten, ein Gutachten auszustellen.“ An diesem Satz stimmt so ziemlich gar nichts. Zum Einen liegt der Selbstmord schon von der Sache her in den Händen der Selbstmörder, zum anderen können sich Juristen bekanntlich zu so ziemlich allem ermächtigen, sofern das Anliegen eine mächtige Lobby hat.
 
  Ich habe es nicht bei diesem Satz belassen, sondern auch die nachfolgenden gelesen. Und dann verstanden (zumindest nahm ich das an), dass es dem Autor hier um die Schwierigkeit geht, einen Vorgang juristisch zu fassen, „obschon er nicht begründet oder gar verstanden werden kann.“ Vollkommen richtig schliesst er: „Allein, das schafft kein Paragraph.“ Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Juristerei eben entschieden lebensfern ist. "Everything is ambiguous in life except in court“, wie Janet Malcom es einmal auf den Punkt brachte.
 
  Richtiggehend gepackt an diesem Essay hat mich der Schlussteil, der sich auch sprachlich vom Hauptteil des Buches absetzt. Es ist ein sehr persönlicher, berührender Text, der des Autors Erfahrung mit dm Tod beschreibt und schon für sich allein die Lektüre dieses Essays lohnt. Wer darüber hinaus Freude an der Auseinandersetzung mit anregenden, intellektuell anspruchsvollen und oft zum Widerspruch reizenden gedanklichen Höhenflügen hat, findet in diesem handlichen und schön gemachten Buch reichlich Stoff.

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