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Luiz Ruffato
Es waren viele Pferde

Assoziation A
2016
Übersetzt von Michael Kegler
160 Seiten
ISBN-13: 978-3862414550
€ 12,-


Von Hans Durrer am 22.01.2017

  Luiz Ruffato, 1961 in Cataguases/Minas Gerais geboren, studierte Journalismus und lebt heute in São Paulo. „Es waren viele Pferde“ habe die brasilianische Literatur revolutioniert, sei von der Kritik enthusiastisch gefeiert worden und mit dem Prêmio Machado de Assis der brasilianischen Nationalbibliothek ausgezeichnet worden, schreibt der Verlag.
 
  Obwohl mich enthusiastische Kritiken und Auszeichnungen im allgemeinen eher skeptisch machen, ging ich die Lektüre (ich finde Brasilien ein spannendes Land) erwartungsfroh an, merkte dann aber recht schnell, dass Ruffatos Stil ziemlich gewöhnungsbedürftig ist. Zudem störte mich die grafische Gestaltung: Einzelne Stellen fett, ab und zu kursiv, Sätze, die nur gerade bis zur Mitte der Seite gingen ... und ohne dass sich mir die Logik dahinter (wenn es denn eine gab) erschlossen hätte. Kurz und gut: Ich bin überhaupt nicht in den Text reingekommen und so legte ich das Buch erst einmal zur Seite, nahm es ein paar Tage später noch einmal zur Hand, schlug es irgendwo auf, begann also nicht mehr mit dem Anfang und dieses Mal kam ich rein, sprach mich an, was ich las.
 
  Es war die Geschichte 44 (es gibt insgesamt 69 in diesem Band) und handelte von einem Mann, der sich redlich bemüht, seine Familie zu ernähren und der Zumutungen ertragen muss, die jene von uns, dies dieses Buch lesen, wohl nur aus Büchern kennen, „frühstückt erst spät, um beim Mittagessen zu sparen, und pirscht dann durchs Zentrum, zu Fuss, um sich dort Zigaretten zu kaufen, denn Hunger ist auszuhalten, der geht vorbei, zu Fuss gehen ist gut für den Kreislauf, aber ohne Zigaretten könnte er jemand umbringen, wenn's sein muss.“
 
  Die Geschichten sind ganz unterschiedlich, doch alle haben mit dem Leben in der 22-Millionen-Stadt São Paulo zu tun. Der Verlag nennt sie Shortcuts: Neben einigen, die an Gedichte gemahnen, findet man auch ein Gebet, einen Brief, ein Diplom, eine Liste mit Kontaktanzeigen und eine mit gerade gesuchten Berufen sowie eine Aufzählung der Bücher, die sich in einem Regal befinden: Von Joachim Fests Hitler zu Richard Bachs Illusionen zu Werken von Frederick Forsyth, Margaret Drabble, Carlos Drummond de Andrade, Helen MacInnes und Paulo Coelho.
 
  „Es waren viele Pferde“ ist der Versuch, das Leben in dieser Steinwüste São Paulo (so sieht die Stadt nämlich von oben, aus dem Flugzeug aus: wie eine nicht enden wollende Steinwüste) aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu fassen zu kriegen und das, so finde ich, ist gut gelungen, obwohl ich mit den verschiedenen Darstellungsformen (gestalterisch und sprachlich) nicht wirklich warm geworden bin.
 
  Dafür haben es mir zahlreiche Geschichten angetan. Zum Beispiel die von Zé Geraldo, der zu seinem Kumpel Rick nach Amerika fliegt, zu Rick, der es geschafft hat und nach drei Jahren New York eine Wohnung gefunden hat, im Hamburger-Imbiss Geld verdient und abends Kunst studiert. Die Schilderung der Überlegungen und Ängste, die Zé im Flieger heimsuchen, ist wunderbar gelungen. Wie auch die Geschichte der sechzehnjährigen Prostituierten Patricia, die auf einen scheuen, grosszügigen, anständigen Italiener trifft, von dem man nicht weiss, ob er schwul oder impotent ist. Und die Geschichte von Fanny, der Künstlerin, die gut Gitarre und auch Schlagzeug spielt und deren Vater „Beatles-Fan (Mitglied des Fan-Clubs Revolution) und besessener Leser jüdisch-amerikanischer Literatur (Norman Mailer, Bernard Malamud, Saul Bellow, Philip Roth, Isaac Bashevis Singer, J.D. Salinger)“ ist.
 
  Phantasievoller und realitätsnäher kann man São Paulo kaum schildern.

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