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Les Edgerton
Der Vergewaltiger

Pulp Master
2016
158 Seiten
ISBN-13: 978-3927734722
€ 12,80


Von Hans Durrer am 22.01.2017

  Diesem Buch ist ein Motto vorangestellt – es stammt aus „Recurring Theme“ von John William Dunne – , das mich sehr anspricht und deshalb auch zitiert werden soll: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig, wie unsere Träume beweisen.“ Für mich ist das, angesichts der Tatsache, dass die Zeit eine menschliche Erfindung ist, ein schöner und wahrer Satz.
 
  Dass man ihn auch ganz anders lesen kann, zeigt Ekkehard Knörer im Nachwort: „Dunnes Zeittheorie ist dabei, so abseitig sie sein mag, und noch in ihrer entschiedenen Abseitigkeit, ein typisches, und typisch wahrheitssucherisches Projekt der Moderne, so etwas wie der vulgäre kleine Bruder von Prousts erzählerischen Zeitrevolutionen.“
 
  Der Ich-Erzähler der vorliegenden Geschichte heisst Truman Ferris Pinter. Er hat eine junge Frau vergewaltigt und führt nun ganz unterschiedliche Argumente auf, die alle zum Ziel haben, sein Tun zu verharmlosen beziehungsweise zu rechtfertigen. Und das klingt dann intellektuell so dürftig wie: „Ich habe viel über diesen Begriff nachgedacht, der für die Gesellschaft Vergewaltigung definiert, und empfinde ihn als unzulänglich. Bei keiner anderen Spezies kommt dergleichen vor, weder in ihrer noch in meiner Welt. Man sieht die Vögel in der Luft, wie sie sich hoch über dem Boden dem Liebesspiel hingeben, und es scheint offensichtlich, dass das Weibchen häufig keine willige Partnerin ist. Wird der männliche Vogel von seinen Artgenossen gemeuchelt oder auch nur gemassregelt? Mitnichten. Es ist normaler Bestandteil ihres Lebens.“
 
  Ich finde solche Gedankengänge weder anregend noch witzig. Zudem ist mir beim Thema Vergewaltigung ziemlich egal, was der Vergewaltiger denkt. Einzig relevant bei diesem Thema finde ich, was die oder der Vergewaltigte dazu meinen.
 
  Nach der erfolgten Vergewaltigung, macht sich die junge Frau davon, gleitet aus, schlägt mit dem Kopf gegen einen Stein, fällt ins Wasser und ertrinkt. Hätte Truman sie retten können? Wahrscheinlich, doch er mag nicht, schliesslich hat er sie nicht gestossen, sagt er sich, sie ist selber hingefallen. „Ich machte, was jeder redliche Mensch machen würde: Ich nahm das wieder auf, weswegen ich gekommen war. Ich angelte weiter, obwohl es sinnlos war.“
 
  Meint der Mann ernst, was er schreibt oder gehört es unter die Rubrik „schräger Humor“? Letzteres, so nehme ich an. Nun gut: Meine Wellenlänge ist das nicht. Zu gestelzt, zu bemüht originell, drückt sich dieser Schwadroneur aus. Über sich selber sagt er: „Ich bin ein Individuum, ein einzigartiges Individuum, und ich habe mich selbst erschaffen. Ich habe alles in meinem Leben selbst festgelegt, alle Standards gesetzt, alle Verhaltensmuster geprägt und alle Denkprozesse gesteuert, und ich bin Ich.“ Kurz und gut: Ein Psychopath. Und einem solchen zuzuhören habe ich so recht eigentlich keine Lust.
 
  Nichtsdestotrotz: Die zelebrierte Selbsttäuschung des Mannes, der ganz offenbar glaubt, was er sagt, entwickelt einen eigenartigen Sog, ist auch durchaus unterhaltend, doch stösst man immer wieder auf Passagen, wo man sich sagt (okay, wo ich mir sage): Also ganz bei Trost ist der ja nun wirklich nicht. Bei einer Passage wie dieser hier etwa: „Europäer und Amerikaner unterscheiden sich insofern, als Amerikaner in Dialogen denken; Europäer, insbesondere die Gallier, sind als Einzige zu geradlinigem Denken befähigt (die Deutschen zählen nicht – sie denken wie Maschinen, in Monologen).“
 
  Er regt sich über Besserwisser auf und ist natürlich selber einer. Er ist egozentrisch, eingebildet, an nichts schuld, wähnt sich über den Dingen stehend – eine ziemlich erbärmliche Figur also. Ich bin nicht warm geworden für diese Geschichte; ich habe keine Geduld mit Psychopathen, nach der Hälfte habe ich aufgegeben.
 
 PS: Es gibt auch wunderbar witzige Stellen in diesem Buch: „Ich war knapp eine Woche hier, als mich der Oberwärter in sein Büro bringen liess. Der Raum war wie er. Es heisst, nach einer gewissen Zeit sähen Hunde und ihre Herren einander ähnlich. Dieser Mann und sein Büro waren diesen Weg gegangen.“
 
 PS1: Alles hat bekanntlich seine Zeit. Vielleicht kommt meine für dieses Buch ja noch.

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