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Markus Gasser
Eine Weltgeschichte in 33 Romanen

Hanser
2015
304 Seiten
ISBN-13: 978-3446249196
€ 19,90


Von Timo Brandt am 06.01.2017

  "Man glaubt, man hätte nur ein Leben; dann öffnet man ein Buch, tritt ein, hängt ein Schild vor die Tür, „Bitte nicht stören, bin auf Zeitreise“ und schon hat es einen hineinverschlagen in die fernsten Epochen, als gehörten sie unserer privaten Erinnerung an."
 
  Romane sind Epizentren des Daseins, sind Verdichtungen des Lebens. Gut, das gleiche könnte man auch über Gedichte sagen und die Einteilungen von Schriften in Gattungen sollten eh mehr denn je als pragmatisch angesehen werden, nicht als prinzipiell. Aber im Gegensatz zum Gedicht – das oft mehr zur agierenden Form tendiert, zu einer rein formulierenden und nicht ab und an auch bloß darstellenden Sprache – kann ein Roman mehr die Beschaffenheit der Wirklichkeit freilegen, die zwischen den Abstraktionen des Denkens und dem tatsächlichen Handeln, den Auswüchsen des Lebendigen liegt. Ein Gedicht wird sich mehr auf die eine Seite verlagern, um die andere zu zeigen.
 
  Aus eben diesem Grund sind Romane unter anderem auch in der Lage das Einzelschicksal, das einmalige Leben einer Figur, mit den Insignien seiner Zeit zu verknüpfen. Die Gedankenwelt einer Epoche bedeckt ihre wirkliche Welt, fließt in jeder Entwicklung, treibt die Mühlen der Ereignisse an; dagegen stemmt und darin schwimmt das Individuum, auf dessen Schulter sich der Roman setzt, um dieser Gestalt beim Kampf mit dem Dasein und den Ereignissen der Zeit zuzuschauen.
 
  In Markus Gassers fabelhaften Buch „Eine Weltgeschichte in 33 Romanen“ erleben wir dieses Phänomen in noch radikalerer Verdichtung. Angefangen bei Thomas Manns Joseph-Tetralogie, die etwas 1300 v.Chr. spielt, bis zu Chimamanda Ngozi Adichies Roman „Americanah“, der 2009 verortet ist, spannt er einen kolossalen und sehr gekonnten Bogen über viele Weltbereiche, Kulturen und Völker hinweg. Klassiker und Gegenwartsliteratur sind ebenso wie unbekanntere Bücher vertreten.
 
  Aber um auf die Verdichtung zurückzukommen: Ein solches Buch würde ja nur halb so viel Spaß machen, wenn das Verfahren lediglich aus Inhaltsangaben und ein paar Ausführungen zur Verortung des Werkes und seines historischen Charakters bestehen würde. Doch Gasser hat sich entschieden, seine Idee viel packender, tiefgreifender und lebendiger zu gestalten. Seine Texte sind ein Mix aus essayistischer Annäherung, Nacherzählung und einem geradezu wilden Aufgreifen der Motive und Zusammenhänge. Er wirft Schlaglichter, lässt kurze Gedanken zum Ablauf einfließen, versetzt sich in den Protagonisten oder die Protagonistin hinein. Bei all diesen Variationen gelingt es ihm, eine gute Vorstellung von der atmosphärischen und sprachlichen Bewegung, von der essentiellen Stoßrichtung des Buches zu vermitteln. Selten schießt er mit seinen Verschmelzungen über das Ziel hinaus und selbst in diesen Momenten schreibt er immer noch eine wunderbare Prosa. Mir ist es schwer gefallen, das Buch zwischendurch beiseite zu legen und nicht noch ein Kapitel zu lesen oder gleich das ganze Buch in einem Zug.
 
  Im Anhang befindet sich zudem ein großartiges Quellenverzeichnis, in dem nicht nur die 33 Primärtexte zu finden sind, sondern auch zahlreiche andere Bücher, die das thematische Umfeld der Romane betreffen und in denen der Autor recherchiert hat (und deren Inhalt oft mit eingeflossen sein dürfte.)
 
  Für Literaturbegeisterte warten also möglicherweise einige Hinweise auf viele neue Lektüren und manches Buch, das eine Weile im Regal stand und nie angefangen wurde, wird man nach Gassers begeisternden, kompromisslosen Streifzügen vielleicht endlich einmal zur Hand nehmen. Die „Weltgeschichte“ ist ein wunderbares Werk über die Macht der Bücher, ihre Größe, ihre Tiefe.

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