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David I. Kertzer
Der erste Stellvertreter
Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus
(The Pope and Mussolini)

Theiss Verlag
2016
608 Seiten
ISBN-13: 978-3806233827
€ 38,-


Von Hans Durrer am 20.11.2016

  „Der erste Stellvertreter“ klärt höchst eindrücklich darüber auf, wie innerhalb der katholischen Kirche um die Macht gerungen wird. Und wie die Vertreter der Kirche um Einfluss und Bedeutung kämpfen. Was für Ränke geschmiedet und Spiele gespielt werden.
 
  So zeigt David I. Kertzer, Professor an der Brown University, etwa auf, wie aus dem Bibliothekar und einstmaligen Erzbischof Achille Ratti, dem nachmaligen Papst Pius XI., der zunächst den Juden gegenüber wohlgesinnt war, ein Mann wurde, der sie, wie das offzielle Rom, zunehmend negativ sah. „Die Geschichte der kirchlichen Dämonisierung der Juden ist alt und beginnt schon kurz nach dem Ursprung des Christentums als jüdische Sekte.“
 
  Unterschiedlicher hätten Ratti und Mussolini kaum sein können. „Die Helden der Rattis waren Heilige und Päpste, die der Mussolinis Aufrührer und Revolutionäre.“ Ratti, der Schriftgelehrte, schien wenig mit dem ungehobelten Verfechter von Gewalt, der prahlte 'unsozialisiert' zu sein, gemein zu haben. Trotzdem, es gab Gemeinsamkeiten. „Beide konnten keine echten Freunde haben, denn Freundschaft implizierte Gleichheit. Beide bestanden auf Gehorsam, und ihre Umgebung fürchtete stets, etwas zu sagen, das ihnen missfallen könnte.“ Anders gesagt: Beide waren diktatorisch angelegte Egozentriker. Sogenannte „Führerpersönlichkeiten“ sind das wohl immer.
 
  Kontrolle ist zentral für Machthungrige. So verfügte etwa Mussolini über ein dichtes Netz an Spitzeln, deren Informationen Gold wert waren. David Kertzer weist unter anderem darauf hin, dass schon damals hohe kirchliche Würdenträger sexuelle Beziehungen zu Knaben hatten. „Hinter dem Rücken des Papstes witzelten vatikanische Insider, Pius XI. zeige sich bei seinen öffentlichen Auftritten 'in der ehrbaren Gesellschaft zweier Päderasten, Vaccia und Samper.' Tatsächlich standen sie bei öffentlichen Audienzen zu beiden Seiten des Papstes.“
 
  „Der erste Stellvertrter“ liest sich streckenweise wie ein Thriller. Vor allem jedoch macht der Autor deutlich, wie stark das Handeln von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sei es der Papst oder die Kardinäle, sei es der Regierungschef oder seine Minister, von ganz persönlichen Beweggründen geleitet wird. So meinte etwa Mussolinis älteste Tochter (die Aussage soll halb scherzhaft gemeint gewesen sein), ihr Vater wäre in die Politik gegangen, um so wenig Zeit wie möglich mit seiner Frau, die zuhause den Ton angab, zu verbringen. Als junger Mann „zog er die Knüppelschläge der Polizei und seiner Gegner den bitteren Vorwürfen seiner Frau vor.“
 
  Obwohl David Kertzers ausgesprochen anregendes und aufschlussreiches Buch auf einer eindrücklichen Materialsammlung beruht (die Anmerkungen umfassen fast 200 Seiten), handelt es sich zum grossen Teil gleichwohl um Rätselraten und Vermutungen. Wie komme ich zu einer solchen Behauptung?
 
  Als Mussolini eines Tages vom Nuntius Borgongini besucht wird, der ihn aufsuchte, um ihm den Abschluss der Lateranverträge (der Kirchenstaat war 1870 aufgelöst worden, es galt den Status der Vatikanstadt zu klären: der Papst anerkennt die Stadt Rom als Sitz der italienischen Regierung, während der italienische Staat die politische und territoriale Souveränität des Vatikans garantiert) als Feiertag schmackhaft zu machen, schreibt Kertzer: „Als Borgongini sich erhob, um zu gehen, sprach er Mussolini sein Beileid zum Tod seines jungen Neffen, des Sohnes von Arnaldo aus. Das machte den Duce nachdenklich, als er an die letzten Lebenstage des leidenden Jungen dachte und an den tiefen katholischen Glauben seines Bruders.“ Wie kann Professor Kertzer bloss wissen, was Mussolini dachte?
 
  Für mich sind historische Werke an Dokumenten orientierte Fiktion. Dabei kommen auch immer mal wieder höchst überzeugende, spannende und aufklärende Werke zustande, die einen nicht nur über die damalige Zeit orientieren, sondern auch über Grundsätzliches, Zeitunabhängiges Auskunft geben. Über die seit Menschengedenken praktizierten Machtspiele zum Beispiel. Und über die persönlichen Eigenschaften von Machthungrigen, die, so scheint mir, so recht eigentlich zeitlos sind. Typisch für sie ist etwa, dass ihre Umgebung jeweils in Angst vor ihnen lebt. Und dass sie gelegentlich höchst begabt mit Widersachern umzugehen verstehen. Als eines Tages eine Gruppe von Protestanten bei Pius XI. vorstellig wurde, weigerte sich einer von ihnen, wie es üblich war, in Gegenwart des Papstes dreimal das Knie zu beugen. Der Papst ging auf ihn zu und fragte: 'Wollen Sie nicht den Segen eines einfachen alten Mannes empfangen?', worauf der Mann aufs Knie sank.
 
  David I. Kertzer hat mit „Der erste Stellvertreter“ ein sehr gut geschriebenes, spannend erzähltes, eindrückliches Werk der Aufklärung verfasst. Ich habe es mit grossem Gewinn gelesen. Unter anderem hat es mir auch überzeugend aufgezeigt, wie fragwürdig und menschenverachtend, geleitet vom Glauben an eine Weltverschwörung von Juden, Freimaurern und Protestanten, die damalige Machtpolitik der katholischen Kirche gewesen ist.

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