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Danielle Baumgartner
Käfigland

Knapp Verlag
2016


Von Hans Durrer am 14.11.2016

  Die Amerikaner, staunte letzthin eine Finnin in einem Beitrag für die New York Times, wollten Politiker, mit denen sie auf ein Bier gehen wollen. In Finnland fände das niemand attraktiv, in Finnland gälten Politiker als Langweiler, mit denen man ganz sicher nicht auf ein Bier gehen wolle. Letzteres, so stelle ich mir vor, trifft vermutlich auch auf die Schweiz zu.
 
  Schweizer Politiker, jedenfalls die beiden, die sich auf dem Buchumschlag von Danielle Baumgartners „Käfigland“ äussern, sehen das – wenig überraschend – entschieden anders. Sie finden Politik spannend. Jedenfalls die Schweizer Politik, die Danielle Baumgartner in „Käfigland“ schildert. Und? Ist sie es?
 
  Ein Page-Turner ist „Käfigland“ nicht, obwohl die Spannung im Verlauf der Geschichte zunimmt. Realistisch, detailgetreu, informativ sind die Worte, die mir spontan einfallen. Ein gut erzählter, anregender und unterhaltsamer Bericht aus Bern, vorausgesetzt, man interessiert sich (etwas mehr als nur ein bisschen) für die Mechanismen der Schweizer Politik. Diese und ihre Akteure werden differenziert gezeichnet.
 
  Spannend (wenn auch nicht Thriller-spannend) ist „Käfigland“ gleichwohl. Das zeigt sich unter anderem in der packenden Schilderung des Unternehmer Heinrich Tüllinger, eines klassischen Aufsteigers, oder darin, wie Danielle Baumgartner die prägenden Dänemark-Jahre der Protagonistin nachvollziehbar macht: „Die konservative Partei, die mit Poul Schlüter an der Spitze von 1982 bis 1993 das Land regierte, politisierte weiter links als die Schweizer Sozialdemokraten. Wie hatte ich gestaunt, dass man im staatlichen Fernsehen die Weihnachtsgeschichte aufs Gröbste veräppeln konnte, ohne dass sich ein Proteststurm religiöser Kreise erhob. Man durfte schwul oder lesbisch sein, ohne schräg angeguckt oder diskriminiert zu werden. Ich hätte nicht zurückkommen dürfen. Und ich hätte in diesem rückständigen Land die Finger von der Politik lassen müssen.“
 
  Worum geht's? Patricia Niederbaum, Präsidentin der Sozialdemokraten will mit dem von ihr angeführten Oppositionsbündnis die Regierung von Premierminister Bracher stürzen. Ganz unterschiedliche Kräfte spielen dabei eine Rolle. Da wird etwa mit falschen Statistiken operiert (und der Trottel, der das rausfindet, geht damit zu seinem Chef), da werden sogenannte Jugendsünden an die Öffentlichkeit gebracht, um dem politischen Gegner zu schaden, da wird kaum etwas ausgelassen, was Menschen – von Wut und Hass bis zu Eitelkeit und Eigennutz, von Idealismus und Engagement bis zu Einschüchterung und Erpressung – zum politischen Aktivwerden motiviert. Anders gesagt: „Käfigland“ erzählt eine höchst aktuelle Geschichte, bietet vielfältige und solide Politikaufklärung.
 
  Dabei greift die Autorin, eine gute Erzählerin, die beruflich als Leiterin Personalmanagement eines grösseren Industrieunternehmens unterwegs ist, auch Aspekte auf, die in den Massenmedien selten zur Sprache kommen. So lässt sie etwa die Protagonistin sagen: „Ich wünschte mir oft, ich könnte mich irgendwo verkriechen und einfach krank melden. Manchmal könnte ich heulen, weil ich so geschlaucht bin, heulen, weil ich weiss, dass ich den ganzen Tag keine Minute allein und unbeobachtet bin. Mir ist ein Rätsel, wie andere das auf die Reihe kriegen.“
 
  Etwa ab der Mitte des Buches nimmt die Handlung zunehmend Fahrt auf, zwar auf Kosten der Plausibilität, doch das betrifft nur einige Details (dass der grosse Stratege und einflussreiche Unternehmer Tüllinger praktisch ohne etwas von ihm zu wissen, den Mathematiker Jonas Wegmüller zu seinem engsten Vertrauten macht, scheint mir arg weit hergeholt), der grössere Rahmen (eine geheime Kaderorganisation, welche Politik und Verwaltung unterwandert) ist höchst realistisch gezeichnet und überdies auch aus der Schweizer Vergangenheit bekannt.
 
 Fazit: Ein gut geschriebener und höchst gelungener Schweiz-Krimi. Bravo!
 
 PS: Nicht unerwähnt soll bleiben, dass dies ein sehr ansprechend gestaltetes Buch (schöner Umschlag!) mit einem leserfreundlichen Satzspiegel ist.

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