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Bill Moody
Der Spion, der Jazz spielte
(The Spy Who Played Jazz)

Polar Verlag
2015
Übersetzt von Ulrike Becker
288 Seiten
ISBN-13: 978-3945133194
€ 14,90


Von Hans Durrer am 14.11.2016

  Man solle über das schreiben, was man kenne, meinen nicht wenige. Und sicher ist das kein schlechter Rat. Obwohl dabei vergessen wird, dass es auch gute Beispiele fürs Gegenteil gibt. Den Mann etwa, der eindrücklich das Innenleben einer Frau beschreibt. Man denke an Flauberts Madame Bovary.
 
  Bill Moody, der Autor von „Der Spion, der Jazz spielte“. spielt selber Jazz. Genauer: Schlagzeug. Genau wie der Protagonist seiner Geschichte. „Niemand in Langley hätte sich eine bessere Tarnung ausdenen können, als Gene Williams sie besass, und da die CIA keine Jazzmusiker an der Hand hatte, kam nur Williams in Frage.“ Nur übersieht der CIA dabei, dass Jazzmusiker gerne improvisieren ...
 
  Gene Williams kann nicht trinken. Bereits kleine Mengen von Alkohol haben höchst unangenehme Folgen. Ein chemisches Ungleichgewicht, hatte der Arzt gesagt. „Gene hatte seinen Zustand akzeptiert und gelernt, damit unzugehen, aber manchmal, wenn es einen guten Grund gab, schlug er alle Vorsicht in den Wind und sprach ohne jede Rücksicht auf Verluste hemmungslos Scotch zu.“ Die Folge war ein Totalabsturz und wie Moody diesen schildert ist derart realitätsnah, dass die Vermutung naheliegt, er wisse aus Erfahrung, wovon er schreibe.
 
  In der Tschechoslowakei ist Alexander Dubcek an der Macht, dem ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz vorschwebt. Den wollen aber die Russen nicht. Sie sind nicht gewillt, ihre Vorherrschaft aufzugeben und planen den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts. „Der Spion, der Jazz spielte“ ist auch eine anschauliche und spannend erzählte Geschichtslektion.
 
  Der CIA will Gene Williams für einen Einsatz in Prag rekrutieren. Er will nicht. Sie wissen, wie er zu zwingen ist. Das ist gut und realistisch geschildert. Überhaupt zeichnet sich „Der Spion, der Jazz spielte“ wesentlich durch seine Plausibilität aus. Die Beispiele von gelungenen und nicht-gelungenen CIA-Rekrutierungen, die Moody anführt, wirken der Wirklichkeit entnommen.
 
  In Prag soll Williams von dem tschechischen Spion Josef Blaha Informationen übergeben werden, doch dieser wird vorher ermordet und Williams wird mit jedem Schritt, den er fortan macht, tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die Russen entführen ihn, Lena, die Enkelin von Josef Blaha bittet ihn um Hilfe, er beginnt sich für seine Rolle als Spion zu erwärmen und verliebt sich ...
 
  Bill Moody spielte 1968 selbst mit einer tschechischen Band am Prager Jazzfestival und sah sich pötzlich in die Ereignisse verwickelt. Kein Wunder also, sind viele Details in diesem Spionagethriller historisch verbürgt und kommt das Atmosphärische gut rüber.
 
  Auch die Übergänge von Fakt zu Fiktion gelungen ihm bestens. So wusste man etwa, dass Regierungschef Dubcek sich gelegentlich selbr ans Steur seines Wagens setze und bei der Tankstelle vorfuhr. Ein solche gelegenheit benutzen Gene und Lena, um ihn vor dem bevorstehenen Einmarsch zu warnen und ihm Informationen über Verräter in den eigenen Reihen zukommen zu lassen
 
  “Der Spion, der Jazz spielte“ ist ein überaus gelungener Kriminalroman; was ihn ganz besonders auszeichnet sind die Schilderungen des Jazz-Milieus sowie seine Wirklichkeitsnähe – selten habe ich einen realistischeren Krimi gelesen.

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