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Sándor Márai
Die Glut

Piper
2000
223 Seiten
DM 24,-


Von Claudine Borries am 22.10.2000

  Dieses ist eines der schönsten Bücher, das mir in letzter Zeit begegnet ist. Es ist 1942 zuerst erschienen und kürzlich neuentdeckt und wiederaufgelegt worden. Voller Melancholie erscheint vor unserem Auge die Zeit des untergegangenen K.u.K.-Reiches.
  Zwei gute Freunde, wie sie unterschiedlicher als sie sind nicht sein könnten, begegnen sich nach 41 Jahren der Trennung wieder: der eine, Henrik, begütert, der andere, Konrad, arm.Henrik ist Soldat aus Tradition, Berufung und Herkunft, Konrad ist sensibel, den schönen Künsten und der Literatur zugetan und Soldat nur wider Willen. Bei dem Wiedersehen, das Konrad herbeigeführt hat ,erscheint in langen Gesprächen, vor allem einem langen Selbstgespräch von Henrik, vor dem geistigen Auge des Lesers noch einmal das gemeinsame Leben der beiden in ihrer Jugend; die zusammen verbrachten Jahre auf der Kadettenanstalt, die enge Freundschaft, Begegnungen mit dem Vater von Konrad, dem General, Gespräche über das Dasein, das Verschiedensein der Menschen, über die Welt und die Frauen. Die Sehnsucht von Henrik, zu denen zu gehören, die musikalisch und poetisch veranlagt sind: sie begleitet sein ganzes Leben und lässt ihn tiefe Einsamkeit empfinden.
  Die Ehe von Henrik und Krisztina, die sich in der Rückschau als Lug und Trug erweist, spielt eine zentrale Rolle in der gemeinsamen Lebensgeschichte der Freunde. Um sie herum kristallisiert sich ein Drama, das Henrik erst nach und nach erahnt hat. Konrad, der offensichtlich die Frau seines Freundes Henrik geliebt hat, auch in Versuchung war, seinen Freund auf einer Jagd zu erschießen, ist eines Tages Hals über Kopf verschwunden. Henrik hört und sieht ihn nie wieder bis zu diesem Augenblick des Wiedersehens nach 41 Jahren. Aber Rache und Aufklärung, wie Henrik sie über Jahre herbeigesehnt hat, ist im Angesicht des Alters plötzlich gar nicht mehr von Bedeutung .
 
  Es ist ein Buch voller Altersweisheit, Empfindungen der Vergänglichkeit und sogar Vergeblichkeit. Wie ein Autor den Bogen vom sprudelnden, leidenschaftlichen und lebensneugierigen Alter der Jugend zum abgeklärten, schon fern dem Leben stehenden, auch der Leidenschaften verlustig gegangenen Abschnitt des Alters beschreiben kann,-- das wir Sándor Márai so schnell niemand gleichtun können. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

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