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Chloe Hopper
Der große Mann
(The Tall Man, 2008)

Liebeskind
2016
Übersetzt von Michael Kleeberg
368 Seiten
ISBN-13: 978-3954380572
€ 22,-


Von Hans Durrer am 01.11.2016

  Palm Island liegt nahe bei Townsville. „Von 1918 bis zum Ende der Sechzigerjahre wurden Hunderte von Aborigines aus Queensland in die Mission von Palm Springs geschickt, die als offizielles Reservat und zugleich als eine Art Freiluftgefängnis diente.“ Es war ein Gemisch aus über vierzig Stämmen, die überhaupt nicht zusammenpassten. Zu ihnen gehörten auch viele Kinder, die ihren Eltern gestohlen und zwangsweise in das Kinderheim auf Palm Island gesteckt wurden.
 
  Im November 2004 wird der betrunkene und, in den Augen der Polizei, streitsuchende Aborigine Cameron Doomadgee festgenommen. Kurz darauf liegt er tot in seiner Zelle. Der Hauptverdächtige ist der Polizeibeamte Chris Hurley, ein von den Aborigines geschätzter Mann, der sich nun vor Gericht zu verantworten hat.
 
  „Der grosse Mann“ ist ein meisterhaft erzählter Tatsachenbericht. Chloe Hopper schildert Palm Island als einen sehr speziellen Ort, hier lebten die Aborigenes als Flüchtlinge, abgeschnitten von der Religion und Kultur ihres angestammten Landes. „Diese Insel lag auf einer fremden Frequenz. Ihr Grundstoff war anders. So, wie sich die Luft verändert, wenn man in ein Krankenhaus kommt.“ Es sind solche Sätze, die mir diese Lektüre wertvoll machen. Hoppers Beobachtungsgabe, ihre Fähigkeit, Wesentliches pointiert und sehr eigen zu formulieren, ihr Sprachrhythmus, ihr Ton.
 
  Auch ihre ganz wunderbare Charakterisierung von Chris Hurley nimmt mich für ihre Schilderung ein. „Hurley tanzte gerne. Er feierte gerne. Sein Charakter passt zu seinem Körperbau ... Er erzählte einem befreundeten Aborigine, dass er einmal in einem Polizeiboot nach einigen Inselbewohnern gesucht hatte, die auf See verschollen waren, und sich darüber ärgerte, dass das seinen Plänen für den Abend einen Strich durch die Rechnung machte. Dabei hatte er bemerkt, dass er Rassist war, und beschlossen, sich zu ändern.“
 
  Chloe Hopper erzählt die nicht einfach die Geschichte eines Todesfalls in Polizeigewahrsam, für den sich Polizist Hurley verantworten muss, sondern begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit von Chris Hurley und Cameron Doomadgee (Wusste Cameron ein Geheimnis über Hurley?, wie einige vermuteten). Es ist eine Suche, bei der sie vor allem auf Widersprüchlichkeiten stösst, und sie in ein Australien führt, in dem anstelle von Bussen kleine Flugzeuge für die Beförderung von Menschen und Fracht eingesetzt werden und wo Schwarze anders trinken als Weisse. Jedenfalls laut Chloe Hopper: „Sie sangen, gröhlten herum und zeigten, wie betrunken sie waren. Sie tranken, um ihren Leidenschaften Ausdruck zu verleihen, die Weissen, um sie zu unterdrücken.“
 
  „Der grosse Mann“ ist auch ein Australienroman und das meint in diesem Falle: eine Auseinandersetzung mit dem Erbe und den Lebensumständen der Aborigines aus Sicht der weissen Berichterstatterin Chloe Hopper, die, als sie in den Achtzigerjahren zur Schule ging, wenig über die Aborigenes erfuhr. Was sie jedoch noch erinnert: „Kein Land hiess so viel wie keine Traumzeit, und keine Traumzeit bedeutete keine Identität, keinen Sinn.“ An anderer Stelle schreibt sie. „Diese Traumlinien sind sehr vielschichtig, eine Meta-Philosophie, im Detail sind sie nur etwas für Initiierte.“
 
  Eine der für mich stärksten Szenen schildert den versuchten Aufstand von etwa 200 Aborigenes gegen einige zutiefst verängstigte Polizeibeamte. Da brach sich eine Wut Bahn, die nicht nur mit dem Tod von Cameron in einer Polizeizelle zu tun hatte, sondern in vielen Aborigenes schon seit der Zeit schlummerte, als man in ganz Australien die ersten Weissen für die Geister von Angehörigen gehalten hatte, die von den Toten zurückkehrten.
 
 PS: Es soll nicht unerwähnt bleiben: Liebeskind Bücher, jedenfalls die, welche ich bis jetzt in Händen gehalten habe, sind sehr ansprechend gemacht: ästhetische Gestaltung, leserfreundlicher Satzspiegel, handliches Format. Und da Lesen auch eine sinnliche Erfahrung ist, freut man sich ganz speziell an solchen Büchern.

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