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Joseph O'Neill
Der Hund
(The Dog)

Rowohlt
2016
Übersetzt von Nikolaus Stingl
320 Seiten
ISBN-13: 978-3498050436
€ 22,95


Von Hans Durrer am 01.11.2016

  Joseph O'Neills „Niederland“ hat mich beeindruckt, weniger der Geschichte als vielmehr einzelner Szenen wegen. Ich habe sie mir mit Bleistift angekreuzt und lese sie jetzt von Neuem. Eine lautet so: „Sie sei mit mir verheiratet geblieben, äusserte sie in Gegenwart von Juliet Schwarz, weil sie sich dafür verantwortlich fühle, mir durchs Leben zu helfen, und diese Verantwortung empfinde sie als schön.“
 
  O'Neills neues Buch, „Der Hund“ handelt von einem in der Schweiz geborenen (wobei: ein Schweizer würde kaum das Wort „Alm“ benutzen) amerikanischen Wirtschaftsanwalt, dessen Ehe gerade in die Brüche gegangen ist und weg aus New York will. „Ich erinnere mich, dass ich mich nach einem fernen, einsamen Schicksal sehnte, dass niemandem Scham und Ungerechtigkeiten bereitete, nach einem Leben, das weder im Recht noch im Unrecht war. Dann kam Eddie Batros des Weges.“ Und so verschlägt es ihn nach Dubai, wo er für den superreichen libanesichen Batros-Clan zum Einsatz kommt und „dem unvermeidlichen Schicksal des überforderten Treunhänders“ unterliegt: „unauslöschliche Langeweile und Angst vor Haftbarkeit.“
 
  Eine Tages erhält er Besuch von der Frau eines Bekannten, der verschwunden ist.
 „Und was hat Sie hierher verschlagen?“, fragte sie. Ich sagte: „Ach, das Übliche.“ „Sie sind weggelaufen“, sagte sie. „Hier sind alle auf der Flucht. Ihr seid Flüchter.“
 
  Bei dem Verschwundenen handelt es sich um Ted Wilson, mit dem der Treuhänder gelegentlich zum Tauchen gegangen ist. „Wir liessen uns mit dem Hintern zuerst in den Golf von Oman fallen.“ Ein Suchtrupp wird losgeschickt, obwohl Bekannte von Wilson glauben, er verstecke sich vor seiner Frau, weil es da noch eine andere gebe.
 
  Immer wieder kommt der Erzähler auf seine gescheiterte Ehe zurück, die natürlich wie alle Ehegeschichten, eine Auseinandersetzung mit der Frage ist, was man denn eigentlich vom Leben will, erwartet, sich erhofft.
 
  „Der Hund“ ist ein ungeheuer dichter und eindringlicher Text, der langsames Lesen verlangt, da einem sonst allzuviele immer wieder überraschende und höchst anregende Gedanken entgehen – und der innere Monolog des Protagonisten, der hier erzählt wird, ist voll davon:
 
  „... weil der Junge ein Junge ist und eben deshalb keinen richtigen Begriff davon hat, dass noch irgendwer ausser ihm ein Mensch ist.“
 
  „... Frauen in Kleidung, die als starkes Antidot gegen Nacktheit gedacht war, bei mir jedoch kontraproduktiverweise genau den Effekt hervorrief, dass ich sie im Geiste auszog ...“
 
  „Ich wurde auf schwindelerregende Weise daran erinnert, dass die Menschheit sich in absoluter Unwissenheit erneuert und dass ohne eine gewaltige, niemals endende pädagogische Anstrengung alles zum Teufel ginge.“
 
  „Der Hund“ spielt zwar im Dubai der Expats und schildert, was diese so umtreibt, doch „ein gnadenloses Porträt einer Stadt des 21. Jahrhunderts“, das die New York Times ausgemacht hat, ist es nicht, jedenfalls für mich nicht. Vielmehr ist es eine ideenreiche, komplexe und smarte Auseinandersetzung mit ganz vielen Grundfragen der menschlichen Existenz anhand des Internets, der Finanzkrise und vor allem der Beziehungen der Menschen untereinander (von der Liebe zur Freundschaft zur Geschäftspartnerschaft).

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