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Paul Auster
Die Erfindung der Einsamkeit

Rowohlt
1995
241 Seiten
DM 14,90


Von Volker Frick am 17.10.2000

  Der nordamerikanische Erzähler Paul Auster wurde 1947 in Newark geboren. Er studierte Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaften. Er lebte einige Jahre in Paris, später übersetzte er aus dem Französischen, schrieb exzellente Essays und Gedichte. Und - jahrelang für die Schublade - Romane, die mittlerweile in fünfzehn Sprachen übersetzt sind. Groteske Geschichten in den Großstadtschluchten einer modernen Zivilisation. Zerrissene Seelen irren orientierungslos zwischen Daseins-Trip (Suche) im Herzen der Finsternis (Schutthaufen). Das apokalyptische Szenario einer katastrophalen, in der Auflösung der befindlichen Welt: das zwanzigste Jahrhundert. American Deathstyle oder das Zufallsprinzip der Hoffnungslosigkeit. Nichts ist, wie es scheint, Zufälle bestimmen die menschliche Existenz. Die Beobachtung penetriert das Selbst - mit einem Blick ins endlose Nichts.
  Selbstreferentialität der Romane, Querbezüge zwischen den Romanen. Eine ästhetische Geometrie der Gewalt von sensitiver Kargheit. In der ‚New-York-Trilogie' heißt es: "...ich will nur sagen, daß eine Zeit kam, in der es mich nicht mehr erschreckte, zu betrachten, was geschehen war. Wenn Worte folgten, so nur deshalb, weil ich keine andere Wahl hatte, als sie zu akzeptieren, sie auf mich zu nehmen und zu gehen, wohin sie wollten, daß ich ginge."
 
  Das neueste Buch von Paul Auster, ‚Die Erfindung der Einsamkeit', ist eines seiner frühesten Bücher, und all jenen, die seine bisherigen Romane sehr zu Recht überaus schätzen, sei gesagt, dieses Buch ist ein anderes Buch und schon gar nicht ein Roman. Natürlich erzählt Paul Auster auch in diesem Buch, und er tut es wiederum glänzend. Es beginnt mit dem Tod, der wie immer oder doch meistens als ungebetener Gast vor der Tür steht, genauer: es klingelt das Telefon eines Sonntagmorgens, es ist acht Uhr, sein Vater ist gestorben.
  Im ersten Teil des Buches - ‚Portrait eines Unsichtbaren' - beschreibt Auster seinen Vater als immer abwesenden Menschen, abwesend als Vater. Aus der Erinnerung versucht er sich seinem Vater zu nähern, seinen Vater anhand von Bruchstücken der eigenen Erinnerung zu beschreiben. Dann erfährt und erzählt er, daß der Vater seines Vaters erschossen wurde, von der Mutter seines Vaters. Sein Vater ist tot und seine vergangene Abwesenheit scheint verständlich durch die Anwesenheit des Todes in seiner Vergangenheit. Zurückgezogen schreibt sich die Erinnerung als ein Substrat, ein Sediment.
  Es schreibt der Tod, der Verlust und die Erinnerung an das Kind, das er war, und es schreibt der Blick auf das Kind, dessen Vater er ist. Die Abwesenheit seines Vaters war bedingt, so zeichnet der Titel dieses ersten Teil des Buches das Schweigen zwischen der Abwesenheit und ihrer Bedingung.
  Auster zitiert Maurice Blanchot: "Eins muß klar sein: ich habe nichts Ungewöhnliches, nicht einmal etwas Überraschendes gesagt. Das Ungewöhnliche beginnt in dem Augenblick, da ich aufhöre. Aber ich bin nicht mehr fähig, davon zu sprechen." Der zweite Teil des Buches trägt den Titel ‚Das Buch der Erinnerung', und es besteht aus Erinnerungen an Menschen, Städte und Bilder, aus Anspielungen, Kommentaren und Einschüben. Zum Beispiel: "Das moderne Nichts. Intermezzo über die Bedeutung paralleler Lebensläufe" oder auch: "Einige leere Seiten. Gefolgt von üppigen Illustrationen. Alte Familienphotos (...). Anschließend mehrere Reihen von Reproduktionen" und dann werde einige beschrieben. Mit Worten. "Nichts als Bilder. Da die Worte einen von einem bestimmten Punkt an zu dem Schluß bringen, daß das Sprechen nicht mehr möglich ist." Daher die vielen Zitate in diesem Teil des Buches, denn auch Worte werden erinnert, "der Akt des Schreibens als ein Akt der Erinnerung" bezeichnet. Zitate von Hölderlin, Mallarmé, Anne Frank, Collodi, Zwetajewa, Wallace Stevens, Freud, Himmler... und ein Treffen und ein Wiedersehen mit Francis Ponge. Rembrandt und van Gogh.
  Paul Auster ist A. und seine Freunde D. oder R. oder S. Paul Auster hat Blanchot übersetzt, und Mallarmé, und A. versucht aufzuzeichnen, daß "alles, was er bisher geschrieben hat, nichts anderes ist als eine Übersetzung einiger Augenblicke seines Lebens". Diese Übersetzung ist gelungen. Doch immer wird etwas beschrieben, aber nicht ausgesprochen, oder es wird etwas ausgesprochen, aber es ist von etwas ganz anderem die Rede. "Im Raum der Erinnerung", schreibt Auster, als er über das Gedächtnis schreibt, "ist alles gleichermaßen es selbst und etwas anderes". Erinnerung und Worte. Wir erinnern uns an etwas anderes als es selbst, als das, woran wir uns erinnern. "Der Modus ist unwichtig. Deformation hat stattgefunden", schrieb Beckett in ‚Proust'. Und die Worte, die Worte, die geschrieben werden, die unsagbaren Worte, die Worte jenseits ihrer selbst, gelingt es ihnen zu sprechen, davon wie es war, und sind es nicht jene Worte, die über sich hinausgehen, die von etwas reden, ohne es zu sagen? Das poetische Wort ist für Blanchot jenes, das sich selbst widerspricht, wie in seinem Buch ‚Warten Vergessen': "Sie sprach die Wahrheit, aber nicht in dem, was sie sagte". Das meint das Wort ‚Inspiration'. "Das Buch der Erinnerung. Buch Neun. (...) Jedes Buch ist ein Bild der Einsamkeit." Doch dieses Wort ‚Bild' hebt diese Aussage wieder auf und wiederholt sie. Diesem Gemurmel memorierender Worte hilft die Dienerin Wort nicht ins Wort; Emanuel Lévinas: "Sie kennt den Inhalt der Verstecke, die sie nicht öffnen kann, und bewahrt die Schlüssel zerstörter Türen auf."
 
  Paul Auster hat mit ‚Die Erfindung der Einsamkeit' ein sehr dichtes und intensives Buch geschrieben. Er hat zur Sprache gefunden, einer Sprache, die eingedenk der Tatsache, daß das Wort der Abwesenheit zur Anwesenheit verhilft, nicht vergißt, daß das Wort sowohl Erfindung als auch Erfinder der Einsamkeit ist. Eine Poetik der Abwesenheit. "Denn dies ist die Funktion des Erzählens: jemandem eine bestimmte Sache vor Augen zu halten, indem man ihm eine andere zeigt."

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