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Eric Ambler
Die Maske des Dimitrios
(The Mask of Dimitrios, 1939)

Hoffmann und Campe
2016
Übersetzt von Matthias Fienbork
336 Seiten
ISBN-13: 978-3455405620
€ 22,-


Von Hans Durrer am 07.09.2016

  Viele Jahre ist es her, seit ich diesen Roman gelesen habe. Viel weiss ich nicht mehr davon, doch ich erinnere mich, dass er zum Teil in Sofia spielt. Überhaupt erstaunt es mich immer wieder, wie wenig mir von meiner Lektüre bleibt, mit Ausnahme der Stimmungen, die sich jetzt beim neuerlichen Lesen wieder einstellen. Und dann stosse ich auf diesen Satz, der mir seit der ersten Lektüre geblieben ist und von dem ich nur noch wusste, dass er von Ambler ist, doch nicht aus welchem Roman. „Die Kommunisten, die ich kenne, sind allesamt hochintelligente Leute.“
 
  Er belässt es übrigens nicht einfach bei diesem Satz, er führt ihn aus, indem er einen der Protagonisten sagen lässt: „Das internationale Kapital hat schon immer Revolutionen angezettelt, wenn das in seinem Interesse war ... Die internationalen Finanzkreise brauchen Glück, und wenn das Schicksal ein wenig vergesslich ist, dann muss eben ein wenig nachgeholfen werden ... Das internationale Grosskapital mag seine Geschäfte auf einem Stück Papier durchführen, aber die Tinte, die dabei verwendet wird, ist Mernschenblut!“.
 
  Auch von Eric Ambler stammt der Satz, er schreibe, um den Menschen zu zeigen, wie es zugehe auf der Welt. Nein, die Quelle erinnere ich nicht mehr. Und auch nicht, wo ich diesen anferen, mich schon lange begleitenden Ambler-Satz gelesen habe: Dass wir von Idioten regiert werden, ist klar, es kommt nur darauf an, dies in Würde zu ertragen.
 
  Das kann natürlich nur ein Engländer sagen. Und natürlich ist Ambler Engländer. Genauso wie Charles Latimer, der Schriftsteller aus „Die Maske des Dimitrios“, der sich mit der Geschichte dieses gesuchten Verbrechers, einem Zuhälter, Drogenhändler und Killer, beschäftigt, weil er darin den Stoff für einen neuen Roman wittert.
 
  Eric Ambler klärt uns darüber auf, wie Politik funktioniert. „ ... bei einem Attentat kam es nicht darauf an zu wissen, wer den Schuss abgegeben, sondern wer die Kugel bezahlt hatte.“ Und er schildert höchst amüsant wie sich Menschen begegnen. Ob er nicht glaube, dass es eine Macht gebe, die unser Schicksal bestimme, wird Latimer von seinem Mitreisenden im Zug nach Sofia gefragt. Das sei ein weites Feld, antwortet Latimer. Worauf sein Mitreisender entgegnet: „'Aber nur, weil wir nicht einfach, nicht bescheiden genug sind, um zu verstehen. Der Mensch kann auch ohne Bildung ein Philosoph sein. Er muss nur einfach und bescheiden sein.' Er sah Latimer einfach und bescheiden an.“
 
  „Die Maske des Dimitrios“ dreht sich wesentlich um Spione. „Ich muss gestehen, dass mir das alles ein wenig absurd erschien. Dieses Bild konnte einfach nicht stimmen. Verhalten sich Regierungen, also erwachsene Männer und Frauen, wie Kinder, die Indianer spielen? Anscheinend.“ Alle misstrauen einander, Freund und Feind werden ausspioniert. Auch heute noch, flächendeckend und rücksichtslos.
 
  Doch Ambler klärt nicht nur über Politik, sondern über menschliches Verhalten generell auf. Immer mal wieder bleibt man an Sätzen hängen, von denen man hofft, dass sie einem bleiben werden. Nie hat man den Eindruck, einfach nur eine spannende Geschichte zu lesen. „Als jemand, der sich mit menschlichem Verhalten beschäftigt“, fuhr er fort, „muss Ihnen aufgefallen sein, dass die meisten Menschen in ihren Handlungen von einem Impuls geleitet werden, der stärker ist als alles anderen. Bei den einen ist es Eitelkeit, bei anderen die Befriedigung ihrer sinnlichen Bedürfnisse, bei wieder anderen das Streben nach Reichtum und so weiter.“
 
  Raymond Chandler war der Meinung, Ambler, dieser Kenner der menschlichen Seele, sei als Thriller-Schreiber zu intellektuell. Ich finde das gar nicht. Vor allem, weil Ambler höchst witzig schreibt und zudem seine eigene Intellektualität reflektiert. „Das, dachte er, war das Schlimmste bei Intellektuellen. Sie ignorierten die Chancen von Gewalt, bis Gewaltanwendung nichts mehr nützte.“
 
  „Die Maske des Dimitrios“ ist gescheite Aufklärung und lehrreiche Unterhaltung in Einem. Ein Meisterwerk!

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