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Hugo Loetscher
Das Entdecken erfinden
Unterwegs in meinem Brasilien

Diogenes
2016
384 Seiten
ISBN-13: 978-3257069563
€ 24,-


Von Hans Durrer am 07.09.2016

  Die früheste Erinnerung: Hugo Loetscher in einer Fernsehsendung, die ihn porträtierte und in der er dauernd betonte, er sei ein Intellektueller. Peinlich. Obwohl er doch ganz eindeutig einer war. Gescheit, witzig, sehr von sich eingenommen – so nahm ich ihn medial wahr, ich kannte ihn nicht persönlich.
 
  Dann 2009, auf einem Flug nach São Paulo, erschien er mir im Traum; ein paar Tage später las ich, dass er in jener Nacht gestorben war.
 
  Als Loetscher sich zum ersten Mal nach Brasilien aufmachte, flog man noch nicht direkt von Zürich nach São Paulo, sondern es gab Zwischenstopps in Lissabon und Dakar. Die Äquator-Überquerung war damals noch etwas Besonderes. „Als wir bei meinem ersten Flug nach Südamerika den Äquator überquerten, erhielt ich eine schriftliche Bestätigung, das Ereignis wurde mit Champagner begossen.“
 
  Was nun vorliegt, sei eine Auswahl von Loetschers besten Reisereportagen, so Herausgeber Jeroen Dewulf. „Wir beschränkten uns bei der Auswahl auf Reportagen, in denen Loetscher als erzählende Instanz auftritt. Diese Texte haben einen literarischen Wert, der über die damalige Aktualität hinausgeht.“ Schon möglich, doch die Feststellung aus dem Jahre 1967 (in: „Reise in die süsse Hölle“): „Dass jemand aus Rio oder São Paulo nordwärts Ferien verbringt, heisst so viel, wie wenn ein Mailänder nach Sizilien in den Urlaub fährt“ ist zwar ein typisches Loetscher-Bonmot, doch zutreffend ist es – jedenfalls heutzutage und gemessen an meinen eigenen Brasilien-Erfahrungen – eindeutig nicht mehr.
 
  „Das Entdecken erfinden“ sei „ein zeitloses aktuelles Porträt eines Landes, das, in Loetschers Worten, nach wie vor 'zur Zukunft verdammt' sei“, lese ich im Klappentext. Nun ja, entweder es ist zeitlos oder es ist aktuell, doch beides zusammen geht schlecht. Aktuell sind Reportagen von vor vielen Jahren generell nicht und nicht wenige der Porträts sind eher von historischem Interesse, doch Loetschers Schreiben macht viele der hier versammelten Texte nicht nur zu einem Lesegenuss, sondern weckt Lust auf dieses so riesige und so unterschiedliche Land.
 
  Hugo Loetscher war oft in Brasilien. Seine anfänglich fast überbordende Begeisterung ist mit der Zeit einer gewissen (wenig überraschenden) Desillusionierung gewichen, doch die Zuneigung, ja die Liebe, ist geblieben und sie überträgt sich auf den Leser. Jedenfalls ist es mir so ergangen. Ich bin selber ausgiebig in Brasilien gereist und habe fast zwei Jahre im Süden des Landes gearbeitet, doch Hugo Loetscher hat mir ganz neue Facetten gezeigt – seine Entdeckerfreude ist ansteckend – und mich ganz wunderbar aufgeklärt (es ist ein sehr detailfreudiges Buch).
 
  „Das Entdecken erfinden“ handelt nicht nur von Reiseeindrücken und persönlichen Begegnungen, sondern ist in weiten Teilen ein veritables Geschichtsbuch, jedoch keines der traditionellen Art. Was er über den Volkskundler Câmara Cascudo schreibt, gilt auch für ihn selber. „Wenn man von einem Universaltalent redet, kann man auch von einer Universalneugierde sprechen. Es ist eine Neugierde, welche das Gegenteil von einem Fachidioten hervorbringt. Eine curiosité, welche weiss, dass hinter jeder Antwort eine neue Frage lauert, und die auf diese Frage neugierig ist. Eine Neugierde, die sich nicht an Grenzen hält, welche Einzelwissenschaften so gerne aufstellen, um ihr eigenes Gärtchen zu kultivieren.“
 
  Anregender habe ich selten über Brasilien gelesen!

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