Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Jean-Philippe Toussaint
Der Köder

Suhrkamp
1993
139 Seiten
DM 32,-


Von Volker Frick am 17.10.2000

  Nach den Romanen 'Das Badezimmer', 'Monsieur' und 'Der Photoapparat' liegt der neue Roman 'Der Köder' von Jean-Philippe Toussaint, geboren 1957 in Brüssel, nun auf deutsch vor. Im Roman 'Das Badezimmer' beschliesst ein junger Mann seine Bibliothek ins Badezimmer zu verlegen und dort sein weiteres Leben zu verbringen. Mit philosophischem Witz wird versucht die Zeit anzuhalten, den Stillstand zu bewahren. Im Roman 'Monsieur' ist dieser ein ruhiger und sachlicher Nachfahre von Oblomov, ein Mann ohne Eigenschaften. Der namenlose Erzähler in 'Der Photoapparat' möchte den Führerschein machen, doch schon mit der Beschaffung der obligatorischen Passfotos beginnt eine Odyssee die schliesslich in einer Telefonzelle endet. Diese literarischen Kleinode, sprachlich prägnant und stilistisch brilliant, zeigen mit Melancholie und Komik die Realität der modernen Welt.
 
  Die Geschichte des Romans 'Der Köder' ist schnell erzählt. Sie beginnt so: "An jenem Morgen trieb eine tote Katze im Hafen, eine schwarze Katze, die an der Wasseroberfläche schwamm, steif ausgestreckt glitt sie langsam an einem Kahn entlang. Aus ihrer Schnauze ragte ein verwester Fischkopf, an dem eine drei oder vier Zentimeter lange, abgerissene Angelschnur hing."
  Der 33jährige Erzähler fährt mit seinem acht Monate alten Sohn Ende Oktober in das Dorf Sasuelo. Den Freund, dem er den Besuch postalisch angekündigt hatte, sucht er nicht auf, sondern stiehlt ihm nächtens Briefe aus dem Briefkasten. Dann sieht er dauernd den alten grauen Mercedes seines Freundes und beginnt Nachforschungen in dem Hotel, in welchem er untergekommen ist, anzustellen, da er seinen Freund hier vermutet. Dann bricht er in dessen Haus ein und und und - alles wird zu Spur und Signum eines unerklärlichen Verhängnisses.
 
  Zuvörderst ist dieser Roman eine philosophische Übung in spekulativem Denken. Desweiteren eine grandiose Schwarz-Weiss-Malerei: "Ich trug einen dunklen Mantel, soweit ich mich erinnere, einen grauen Anzug und eine einfarbige Krawatte...", der Himmel hängt trübe über dem Dorf, das Hafenwasser ist trübe und "Der Himmel war sehr grau".
  Gleich der schwarzen Katze ein Köder zum Verhängnis wird, so bleibt der Leser gefangen in der Spekulation: Wie fand die Katze den Tod, ist gar ein Mann umgekommen? Warum steht der Protagonist so oft am Fenster? "Ich tat nichts, wartete auf nichts Bestimmtes".
  Später fallen dem Erzähler die entwendeten Briefe ins Wasser und die Schrift verwischt, zerläuft; oder er bemerkt, "dass in der Mitte der Pfütze... aufgrund welchen Zusammenspiels von Perspektiven und toten Winkeln auch immer, von mir keine Spur zu sehen war". Oder "als ich ... wieder an dem grossen, holzgerahmten Spiegel vorbeikam, sah ich, wie eine Gestalt ... vor mir durch die Dunkelheit huschte". Mit Verlaub, da ist sonst niemand. Ausserdem taucht gleich sechsmal die mehr oder minder gleiche Formulierung auf von "dem jede Nacht identischen Mondschein, immer genau demselben, unter den immergleichen schwarzen, den Himmel durchziehenden Wolken..."
  Dieser Roman ist ein Krimi, allerdings ohne die Ingredienzen dieses Genre. Dieser Roman ist ein Filmscript, schliesslich wurden die Romane 'Das Badezimmer' und 'Monsieur' verfilmt, letzterer gar unter der Regie des Autors. Dieser Roman ist ein Traum, sind Träume doch meist farblos, aber intensiv durch neue Beziehungsgeflechte. Dieser Roman ist ein Buch des Todes. Der Erzähler ist Vater eines kleinen Kindes, und auch wenn "dieser Kerl" nur eine Nebenrolle(!) im Roman spielt, so stellt seine Existenz die Existenz des Erzählers in Frage. Sein Leben hat sich verändert, wird be- und hinterfragbar, begibt er sich auf die Suche, nach seinem Freund, nach sich selbst, nach dem Leben. Das ist Literatur.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.