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Nicholas Shakespeare
Broken HIll

Hoffmann und Campe
2016
Übersetzt von Georg Deggerich
128 Seiten
ISBN-13: 978-3455405446
€ 18,-


Von Hans Durrer am 05.07.2016

  Nicholas Shakespeares Broken Hill (der Name einer australischen Kleinstadt) spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs und basiert auf einer wahren Geschichte.
 
  Australien befindet sich mit Deutschland im Krieg, dessen Auswirkungen auch Broken Hill erreichen. „Seit fünf Monaten türmen sich Berge von Zink- und Bleikonzentrat unberührt auf dem Gelände. Verlassen, genauso wie der German Club in der Delamore Street.“
 
  Auch etwa 30 Kameltreiber, vorwiegend Afghanen und Inder, leben mit ihren Familien und Tieren in Broken Hill, am Stadtrand, in einem Camp aus Wellblechhütten. Am Silvesterabend hält der Sozialist Ralph Axtell eine aufwiegelnde Rede gegen die „Hammelfresser“ und „Kameltreiber“; er beschuldigt sie, den eingesessenen Australiern die Arbeitsplätze wegzunehmen und weckt damit „Emotionen, Vorbehalte und latente Missgunst“.
 
  Es ist eine überaus aktuelle Geschichte, die Nicholas Shakespeare mit Broken Hill erzählt, auch wenn sie hundert Jahre zurückliegt. Eindrücklich zeigt er auf, wie der Mensch in Sachen Zusammenleben (und besonders, wenn es sich um verschiedene Kulturen handelt) offenbar wenig lernfähig ist. Das Muster von anno dazumal ist dasselbe wie heute: Wir gegen die. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
 
  In einer Kleinstadt ist das am Offensichtlichsten. Jeder kennt jeden, alle haben ihren Platz, Erwartungen und Verpflichtungen regieren den Alltag. Fremde haben sich anzupassen. Je unsicherer die Menschen sind, desto sturer und strikter ist die Durchsetzung der Regeln. „Vielleicht rührte Clarence Dowters Übereifer daher, dass er keine offizielle Qualifikation besass.“
 
  Rosalind soll Oliver heiraten, hat jedoch mehr Sympathien für den Afghanen Gül Mehmet. „Gül mochte eine dunkle Haut haben, aber sein Herz unterschied sich nicht sehr von ihrem, und in Rosalinds Augen war es ein gutes Herz.“
 
  Doch die Fremden werden ausgegrenzt, dem rituellen Schlachter Molla Abdullah wird verboten, seinen Beruf weiter auszuüben. Die Ablehnung und Diskriminierung führt dazu, dass er sich radikalisiert und die Welt in Gläubige und Ungläubige unterteilt. Er tut sich mit Gül Mehmet zusammen, es kommt zur Katastrophe.
 
  Broken Hill ist eine Geschichte darüber, wie Ausgrenzung den Weg zum Fundamentalismus ebnen kann. Sie überzeugt nicht zuletzt dadurch, dass das Setting so gänzlich unwahrscheinlich, ja absurd ist – Broken Hill liegt fast fünfhundert Kilometer von der Küste entfernt; zwei Afghanen fühlen sich durch den Aufruf des türkischen Sultans zum Kampf gegen England und seine Alliierten motiviert, einen „Picknick-Zug“ anzugreifen.
 
  Was so gänzlich aberwitzig und absurd scheint, ist – obwohl fiktionalisiert – so ähnlich tatsächlich vorgefallen. Und sollte uns eine Warnung sein: Was wir für unwahrscheinlich, ja für grotesk und menschenunwürdig halten, hat die Tendenz, Wirklichkeit zu werden.

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