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Boris Johnson
Der Churchill-Faktor

Klett-Cotta
2015
Übersetzt von Norbert Juraschitz
472 Seiten
ISBN-13: 978-3608948981
€ 24,95


Von Hans Durrer am 24.06.2016

  Ein Blender sei er, sein grösstes Talent sei, sich selber zu verkaufen, doch substantiell sei da nicht viel und weit weniger als es den Anschein mache. Solches und Ähnliches und noch vieles mehr wird über Boris Johnson gesagt, den ehemaligen Londoner Bürgermeister mit Ambitionen (wird behauptet) David Cameron abzulösen.
 
  Doch da gibt es auch noch den Autor Boris Johnson, den Verfasser des überaus witzigen Thrillers „72 Jungfrauen“ und den Biografen Winston Churchills.
 
  Auch wenn die englischen Konservativen, die Tories, Winston S. Churchill als einen der ihren reklamieren („ihr bester Käse, ihr preisgekrönter Besitz, der weltbeste Torschützenkönig und grösste Kapitän der Tory-Mannschaft aller Zeiten“), viele angesehene Tories hielten ihn seinerzeit für einen Verräter, ja eine Katastrophe für das Land. Und aus ihrer Sicht war das verständlich, denn von Partei-Loyalitäten hielt Churchill so ziemlich gar nichts, kurz und gut, „er war ein ruhmversessenes, opportunistisches Grossmaul.“
 
  Unweigerlich fragt man sich: Beschreibt da der Biograf nicht vor allem sich selbst? Sicher, das auch, doch er tut einiges mehr, indem er sich mit dieser ihm verwandten Seele auseinandersetzt: Er zeigt auf, dass die Jahrhundertgestalt Churchill auch heute noch zu inspirieren weiss. Nicht zuletzt sollte er den Regierenden ein Vorbild sein, denn nie verlangte er von anderen, was er nicht selber bereitwillig leistete.
 
  Ich muss immer mal wieder laut herauslachen bei dieser höchst ungewöhnlichen, wunderbar originellen, dabei sehr differenzierten, überaus witzigen und entschieden unverblümten Darstellung dieser Jahrhundertfigur. „Sogar jene, die ihn für brillant hielten – und das erkannten die meisten Menschen – , waren häufig über sein scheinbares Fehlen von Urteilsvermögen, seine Neigung zur Übertreibung, ja zur Hysterie bestürzt. Im Jahr 1931 regte er sich so sehr über die drohende indische Unabhängigkeit auf, dass er Mahatma Gandhi einen 'halbnackten Fakir' nannte. Diese Worte sind in Indien bestimmt nicht vergessen worden.“
 
  Churchills Eltern waren auf ihre Art und Weise ebenso eigensinnig und unkonventionell. „Ihr wichtigster Beitrag zur Zivilisation bestand darin, dass sie beide das Kind vernachlässigten“, so Johnson. Und dieses entwickelte sich zu einem gänzlich unorthodoxen, mutigen, exhibitionistischen und aussergewöhnlich riskofreudigen Mann, der unter anderem ein höchst produktiver Schreiber war: Er brachte mehr Wörter zu Papier als Dickens und Shakespeare zusammen.
 
  „Selbstverständlich war er egozentrisch und narzisstisch – eine Tatsache, die er sofort einräumte. Aber das hiess keineswegs, dass er sich nicht für andere Menschen interessiert oder um sie gekümmert hätte.“ Ein wichtiger Satz, nicht nur Churchill betreffend, macht er doch deutlich, dass der Mensch, jeder Mensch, um einiges komplexer ist als unsere gängigen Zuschreibungen (und was wir aus ihnen ableiten) zu erfassen imstande sind.
 
  Wie nur war es möglich, dass ein solcher ungehobelter Egomane das britische Volk für den Krieg zu mobilisieren vermochte? Vermutlich, weil in dieser Situation ein entscheidungsfreudiger und unabhängiger Geist gefragt war. Und weil dieses dem Witz zugeneigte Volk von Exzentrikern sich mit ihm identifizieren konnte.
 
  „Er wusste, wie er seine Persönlichkeit darstellen konnte, und im Krieg brauchte es jemanden, der in den Köpfen der Menschen ein Image von sich selbst schaffen konnte – entschlossen, kämpferisch, aber zugleich auch gut aufgelegt und ermutigend. Nur Churchill konnte das, denn es entsprach in hohem Masse seinem Charakter.“
 
  Boris Johnson hält Churchill nicht nur für den besten Redner, Autor und Witze-Erzähler seiner Generation, sondern auch für „die tapferste, kühnste und originellste Persönlichkeit“ sowie „das grösste politische Arbeitstier“, das es je gegeben hat. „Allein seine veröffentlichten Reden füllen 18 Bände und 8700 Seiten, seine Notizen und Briefe umfassen eine Million Dokumente in 2500 Kisten.“ Dazu kommen noch 31 umfangreiche Bücher und „davon waren 14 'echte' oder Erstveröffentlichungen, keine Zusammenstellungen von bereits veröffentlichtem Material.“
 
  Zudem malte er, liebte die Maurerarbeit, legte Teiche an, freute sich an Erdarbeiten, war einer der ersten seiner Generation, die ein Flugzeug steuerten und ein Auto fuhren – derart rasant, dass keiner mitfahren wollte. Churchills eigene Einschätzung, dass er an Depressionen leide, hält Johnson für übertrieben. Was wohl mehr über Johnson als über Churchill sagt.
 
  „Der Churchill-Faktor“ ist ein wirklich tolles Buch: höchst informativ und dabei sehr persönlich, wunderbar unterhaltend sowie ausgesprochen originell. Thomas Kielinger, selber Verfasser einer glänzenden Churchill-Biografie, brachte es auf den Punkt: „Querdenken und Exzentrik: Eine bessere Paarung als Churchill und Johnson ist nicht denkbar.“
 
  Folgender Kommentar Johnsons illustriert dies bestens: Churchill, der kein Finanzgenie war, jammerte nach einer Sitzung mit Bankern, sie würden alle 'Persisch sprechen'. Dazu Johnson: „Die Geschichte der vergangenen 100 Jahre ist voller Gelegenheiten, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Banker selbst keinen blassen Schimmer von dem haben, was sie sagen wollen.“

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