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Olen Steinhauer
Der Anruf
(All the Old Knives)

Blessing
2016
Übersetzt von Friedrich Mader
272 Seiten
ISBN-13: 978-3896675545
€ 19,99


Von Hans Durrer am 13.05.2016

  „Der Anruf“ ist mein erster Olen Steinhauer-Thriller. Die Washington Post und auch die New York Times haben sich positiv über den Mann geäussert. Ich bin also gespannt und auch etwas skeptisch, denn es sind ja nicht immer die schlauesten Köpfe, die bei sogenannt angesehenen Zeitungen die Buchbesprechungen verfassen.
 
  Die Skepsis weicht jedoch bereits auf den ersten Seiten sympathisierender Zustimmung, als ich lese wie zwei zufällig im Flugzeug nebeneinander Sitzende ins Gespräch kommen. Eine Frau, die sich von ihrem Mann trennte, weil er sie betrog, heiratet einen anderen, von dem sie jetzt befürchtet, dass auch er sie betrügt.
 
  „Da fragst du dich natürlich“, erklärt sie, „ob es vielleicht an dir liegt, dass sie fremdgehen.“
  Mit Bestimmtheit schüttle ich den Kopf. „Dem Opfer die Schuld geben. Tappen Sie bloss nicht in diese Falle.“
 
 Die Geschichte geht so:
  CIA-Agent Henry Pelham, seit zehn Jahren in Wien stationiert, ist auf dem Weg ins kalifornische Carmel, wo er auf seine frühere Kollegin Claire Favreau trifft, mit der er in Wien eine kurze Affaire hatte. Damals hatten islamische Terroristen auf dem Wiener Flughafen Schwechat die Maschine, mit der sie aus Ammann gekommen waren, nach der Landung in ihre Gewalt gebracht. Unter den Fluggästen war auch ein CIA-Agent, der es schaffte, die Wiener Zentrale zu informieren, wo von in der Folge ein Anruf nach Ammann gemacht wird. Wer hat angerufen, wer ist der Verräter oder ist es eine Verräterin? Henry geht der Sache nach ...
 
  Olen Steinhauer ist ein Meister des Atmosphärischen. Das zeigt sich unter anderem darin, wie er die kalifornische Fahrweise beschreibt oder das Küstenstädtchen Carmel, das er mit einem malerischen englischen Dorf vergleicht. „Natürlich kein echtes englisches Dorf, sondern eins, in dem Miss Marple herumhumpeln und zwischen den Antiquitäten Leichen entdecken könnte.“ Ganz besonders gelungen und witzig ist die Schilderung kalifornischer Restaurantsitten, zu denen gehört, dass die Kellnerin in epischer Breite ausführt, was auf dem Teller liegt. So erfahren Henry und Claire nicht nur, dass das Kalbsgericht saftig ist, sondern auch, dass die junge Kuh human (!) grossgezogen und „ihr kurzes Leben in 'stressfreier Umgebung' beendet wurde“ sowie, dass das Fladenbrot ausgemacht ist.
  „Hier?“, frage ich.
  „Hausgemacht“, wiederholte sie.
  „Selbst gebacken?“
  Sie schüttelt den Kopf und ihr Pferdeschwanz bebt. „Nein, hausgemacht.“
 
  Was den Autor zudem auszeichnet sind die in den Text gestreuten cleveren Beobachtungen, ja Lebensweisheiten. Etwa: „Wie alle Leute, die von Selbstmitleid erfüllt sind, kann er sich nicht von der eigenen Situation lösen.“ Oder: „Die Erwartung ist die Quelle für alles menschliche Elend.“
 
  „Der Anruf“ überzeugt nicht nur als Thriller, sondern auch als Beziehungsgeschichte. Wie sich das Verhältnis von Henry und Claire im Laufe der Erzählung entwickelt und verändert ist fast noch spannender als der Plot.

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