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Fuminori Nakamura
Der Dieb
(Suri)

Diogenes
2015
Übersetzt von Thomas Eggenberg
224 Seiten
ISBN-13: 978-3257069457
€ 22,-


Von Hans Durrer am 13.05.2016

  Nishimura bestiehlt nur wohlhabende Männer, ohne Gewalt. Das ist sein Prinzip. Doch nicht immer hält er sich daran. Als er in der U-Bahn einen Grapscher am Werk sieht, greift er ein, packt dessen Handgelenk und entwindet ihm Uhr und Portemonnaie.
 
  Man ist sofort drin in dieser Geschichte, wird richtiggehend reingesogen, fühlt sich gleich mit dabei in der U-Bahn und stellt sich vor, man sei selber am Werk. Mir jedenfalls ist es so ergangen. Natürlich auch, weil ich sehr viele Sympathien habe für einen Dieb, dessen Opfer wohlhabende Männer sind. Und umso mehr, wenn das Ganze dann noch ohne Gewalt abläuft.
 
  Sein Kumpel Ishikawa hat ihn zum Klauen gebracht, doch Ishikawa ist nicht nur ein Dieb, sondern gehört auch zu den Yakuza. Ishikawa will aussteigen, doch Yakuza-Boss Kizaki verlangt dafür einen Raubüberfall, an dem auch Nishimura teilnehmen soll.
 
  Wie Nishimura, Ishikawa und ihr Kumpel Tachibana vom Yakuza-Boss in ihre Aufgabe eingeführt werden, ist ein brutales und intelligentes Meisterstück, bei dem auch auf Dostojewski Bezug genommen wird. Nach dem Raubüberfall steckt Ishikawa Nishimura einen Zettel zu, er solle ihn am nächsten Tag abends um sieben am Bahnhof treffen, sie müssten die Stadt verlassen. Doch Ishikawa taucht nicht auf ...
 
  Im Supermarkt beobachtet Nishimura einen kleinen Jungen beim Klauen. Er bringt ihm bei, wie man es besser macht.
  „Ich glaube, es ist so etwas wie eine Krankheit“, sagte ich.
  b„Krankheit?“
  „Die Klau-Krankheit. Wenn jemand stiehlt, ohne es zu merken. Solche Leute gibt es.“
  Ich versuchte, keine Miene zu verziehen.
  „Man nennt es auch frühe Demenz. Doch erklären kann man es nicht genau. Ein rätselhaftes Phänomen. Warum folgen die Leute dem unbewussten Impuls ihres Gehirns? Warum muss es gerade Diebstahl sein? Vieleicht ist das Verhalten irgendwo tief in unserer Natur verwurzelt ... Was meinst du?“
  Der Junge machte ein ratloses Gesicht und schüttelte den Kopf.
  „Wie auch immer – das ist unsere Chance! Viele Kunden und kein Spion in der Nähe.“
 
  Doch Nishimura wird von seiner Vergangenheit eingeholt; der Yakuza-Boss Kizaki möchte gerne Gott spielen und fortan über Nishimuras Leben bestimmen ...
 
  Es ist die Mischung aus höchst Plausiblem (die Welt der Taschendiebe) und eher weniger Plausiblem (unwahrscheinlich, dass Yakuza-Bosse Philosophen sind), das den Reiz dieser wunderbar leicht erzählten Geschichte ausmacht. Als Leser wohnt man einer cleveren Inszenierung bei, die einen immer mal wieder mit Nachdenklich-Machendem konfrontiert. „Alle, die an einen Gott glauben, fürchten ihn. Die einen mehr, die anderen weniger. Eben weil er in ihren Augen Macht besitzt.“
 
  „Der Dieb“ ist eine spannende und spielerische Auseinandersetzung mit der Frage, wer unser Schicksal entscheidet und ob dabei mitbestimmen können. Ein höchst gelungener Roman!

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