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Anthony Doerr
Memory Wall

C.H.Beck
2016
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
135 Seiten
ISBN-13: 978-3406689611
€ 14,95


Von Hans Durrer am 18.04.2016

  Der 1973 in Cleveland geborene, mit seiner Frau und zwei Söhnen in Boise, Idaho lebende und vielfach mit Preisen ausgezeichnete Anthony Doerr, hat „Memory Wall“ in Südafrika angesiedelt, genauer: in einem der besseren Vororte von Kapstadt und in Khayelitsha, einem Township, das er so beschreibt:
 
  „Khayelitsha besteht aus achtzig Quadratkilometern Hütten und Baracken aus Aluminium, Betonsteinen, Sackleinen und Autotüren. Zur Jahrtausendwende wohnte hier eine halbe Million Menschen, jetzt sind es viermal so viele. Kriegsflüchtlinge, Wasserflüchtlinge, HIV-Flüchtlinge. Die Arbeitslosigkeit könnte bei bis zu sechzig Prozent liegen. Tausend planlos verteilte Lichtmasten ragen wie astlose Bäume über die Behausungen. Frauen tragen Babys, Plastiktüten, Gemüse und Vierzigliterkanister Wasser über die Wege. Männer auf Fahrrädern wackeln vorbei. Hunde streunen herum.“
 
  Es liegt zwar schon mehr als zwanzig Jahre zurück, dass ich selber gelegentlich in südafrikanischen Townships zu tun hatte, doch die Beschreibung trifft im Wesentlichen auch auf damals zu. Jedenfalls hatte ich überhaupt keine Mühe, mich sofort wieder vor Ort zu fühlen. Nicht nur in den Townships, auch in den besseren Gebieten Kapstadts. Womit schon einmal gesagt wäre, dass Anthony Doerr über ein aussergewöhnliches Talent verfügt, Atmosphärisches zu vermitteln.
 
  „Memory Wall“ handelt von der 74-jährigen Alma Konachek, die dabei ist ihr Gedächtnis zu verlieren. Sie lebt alleine in einem Haus unterhalb des Tafelbergs. Der mit seinem kleinen Sohn Temba in Khayelitsha wohnende Pheko ist ihr Mann für alles, der jetzt befürchtet seine Stelle zu verlieren, weil der für das Vermögen von Alma zuständige Buchhalter darauf dringt, sie in einem Pflegeheim unterzubringen.
 
  Pheko fährt Alma in regelmässigen Abständen zur Gedächtnisklinik von Dr. Amnesty, wo versucht wird, den Prozess der langsamen Zersetzung des Gedächtnisses, mittels eines Simulators sowie Kassetten, zu verlangsamen.
 
  Harold, Almas verstorbener Mann und fasziniert von Fossilien, hatte kurz vor seinem Tod einen bedeutsamen Fund gemacht, eine seltene Versteinerung, von der die beiden Räuber Roger und Luvo, die immer wieder in Almas Haus eindringen, annehmen, dass sie viel Geld einbringen wird.
 
  Anthony Doerr schildert Almas allmähliche Gedächtnis-Auslöschung spannend und überzeugend. Der kontinuierliche Verschlechterung ihres Erinnerungsvermögens wird immer wieder durch höchst klare Momente unterbrochen.
 
  Roger und Luvo verlassen sich bei ihren Streifzügen durchs Haus darauf, dass Alma, mit der sie sich bei ihren nächtlichen Besuchen unterhalten, nicht weiss, wer sie sind und sie mit ihr Vertrauten verwechselt. Bis dann eines Tages, in einem Moment der Klarheit, sie aus einer Schublade eine Pistole herausnimmt, sich in einen Sessel setzt und wartet ...
 
  Die Lebensschicksale, die in dieser Meditation über Ewigkeit und Wandel aufeinandertreffen, könnten unterschiedlicher nicht sein und dass sich letztendlich alles zum Guten wendet, ist einleuchtend und fesselnd geschildert.
 
  Mit „Memory Wall“ ist Anthony Doerr eine grandiose Novelle gelungen.

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