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Erica Jong
Angst vorm Sterben
(Fear of Dying)

S. Fischer
2016
Übersetzt von Tanja Handels
368 Seiten
ISBN-13: 978-3100024855
€ 19,99


Von Hans Durrer am 11.04.2016

  Vanessa Wondermann ist sechzig, Asher, ihr vermögender Mann, zwanzig Jahre älter. Sie vermisst die Leidenschaft, gibt auf spontanfick.com ein Inserat auf, merkt dann aber, als die Realität die Fantasie ablöst, dass sie mit spontanem Sex, mit dem sie in jüngeren Jahren kein Problem gehabt hatte, nun mehr als nur Mühe bekundet. Und so sucht sie das Weite.
 
  Vanessa war einmal eine erfolgreiche Schauspielerin gewesen. Asher findet, sie solle wieder arbeiten, ihre Tochter unterstützt ihn.
  „Mit sechzig noch eine Rolle finden?“ sage ich.
  „Sechzig ist das neue Vierzig.“
  „Und achtzig das neue Sechzig. Wie alt bist du dann mit deinen fünfundzwanzig? Fünf?“
  „Wahrscheinlich. Geistig zumindest. Seit ich schwanger bin, hat mein Hirn sich sowieso abgeschaltet. Hör mal, du darfst schon allein meinetwegen nicht aufgeben. Wie soll ich denn sechzig werden, wenn du mir nicht zeigst, wie das geht“
  „Da hast du recht.“
  „Aber nicht, dass du jetzt sagst, ich hätte recht, und dann losziehst und alles wieder vergisst, was ich gesagt habe. Sonst geht es dir bald wie Oma und Opa.“
  „Die sind beide über neunzig und tragen Windeln – aber neunzig ist wahrscheinlich das neue Siebzig.“
 
  Vanessa gehört einer Generation an, die den Orgasmus als Grundrecht begreift. Das Alter wird verdrängt. „Erst wenn man keinen Sex mehr hat, glaubt man auch selbst, dass man alt ist.“
 
  Doch nicht nur Sex geht ihr durch den Kopf, sie überlegt sich auch, zum Quäkertum zu konvertieren. Weil Quäker so bescheiden sind und das ist heutzutage ausgesprochen selten. Und sie macht sich Gedanken zum Tod. „Wir tun uns schwer mit dem Tod. Wir finden ihn unamerikanisch.“
 
  Wunderbar. Immer mal wieder muss ich laut herauslachen. Doch „Angst vorm Sterben“ (trotz oder vielleicht wegen der unermüdlichen Aktivitäten der zahlreichen New Yorker Anti-Aging-Experten) ist auch ein sehr nachdenkliches, reflektiertes Buch über den Tod. Die Sterbebegleitung ihrer schon sehr alten Eltern ist sehr berührend.
 
  Vanessa besucht auch Meetings der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass der einzige Weg zum Glück die Hingabe ist. „Hingabe ist der Schlüssel zu allem. Hingabe ist alles. Hingabe ist Frieden. Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur Mehr-Mehr-Mehr. Nichts war mir je genug. Ich steckte voller Neid und Missgunst. Ich glaubte, alle hätten mehr als ich. Inzwischen weiss ich, dass diese ganze Sucht nach dem Mehr-Mehr-Mehr eine Krankheit ist, eine Täuschung. Wir haben alle schon genug. Wir wissen es nur nicht.“
 
  Sie weiss, das Leben ist eine Komödie. Und das schliesst die Suche nach Sinn mit ein. Und auf dieser landen Vanessa und Asher in Indien. „Am Flughafen herrschte das typisch indische Chaos. Legte man Koffer oder Handy aus der Hand, waren sie geklaut, bevor man 'Maharishi' sagen konnte.“
 
  Erica Jong ist eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin, „Angst vorm Sterben“ ein spannendes, intelligentes und überaus witziges Buch. Woody Allens Lob kann ich mich nur anschliessen: „Es is unglaublich, wie sie von all diesen delikaten Themen erzählen und dabei ein so lustiges Buch schreiben kann. Ich habe es verschlungen.“
 
  Dass Woody Allen „Angst vorm Sterben“ so toll findet, hat natürlich auch damit zu tun, dass Erica Jong mit den Fragen von Leben, Sex, Sinn und Tod ähnlich umgeht, wie er selber auch: praktisch, pragmatisch und lebensnah. Und befreiend lustig.

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