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Christian Roux
Der Mann mit der Bombe

Polar Verlag
2016
Übersetzt von Frank Göhre
160 Seiten
ISBN-13: 978-3945133217
€ 12,90


Von Hans Durrer am 29.03.2016

  Auf der Buchrückseite steht ein Satz, der mich sofort gepackt hat: „In der Regel hat man vielleicht eine Stunde oder einen Tag lang den Mut, sein Leben zu ändern, maximal eine Woche, wenn man ganz hartnäckig ist.“ Ein gutes Beispiel dafür, dass Sätze in Krimis oftmals weit über diese hinausgehen, denn dieser Satz ist von überzeugender Allgemeingültigkeit und trifft auf jede Lebensveränderung zu.
 
  Ich gehe diesen Krimi höchst erwartungsfroh an. Und werde nicht enttäuscht. „Der Mann mit der Bombe“ ist ein wunderbar spannender Krimi, eine Art Bonnie and Clyde à la française, intelligent und witzig. „... konnte sie entsprechend der Mentalität der Gegend aus der sie stammte, tagelang kein Wort sagen.“
 
  Die Stimmung, die Christian Roux rüberbringt, erinnerte mich oft an Szenen aus „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“, ein Film, den ich sehr mag, weil er so französisch unangepasst ist.
 
  Larry, ein arbeitsloser Ingenieur Anfang vierzig, geht stempeln und bastelt sich eine Bombenattrappe. Mit dieser in der Tasche durch die Gegend zu spazieren, lässt ihn die Demütigung, die er bei den Vorstellungsgesprächen empfindet, besser ertragen und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit. Schliesslich könnte er den Leuten einen gehörigen Schrecken einjagen, wenn er denn wollte ...
 
  Dann probiert er seine Bombenattrappe beim Arbeitsamt aus. Ohne viel zu überlegen, will er sich an einem Banküberfall versuchen, doch wird die Bank gerade von einer jungen Frau namens Lu und deren Komplizen überfallen. Er schaltet sich ein, die Dinge gehen drunter und drüber. Mit Hilfe der Bombenattrappe nimmt er Lu als Geisel und flieht mit ihr im Auto der Räuberbande.
 
  Ich wundere mich, wie problemlos die beiden sofort miteinander klar kommen, doch in der Folge wird klar, dass der Autor einiges von seelischen Leiden versteht: die Schilderung von Lus Bedürftigkeit (die ihr Verhalten erklärt) ist höchst überzeugend gelungen. Auch wie er die Figur des Larry, der Treffen der Anonymen Alkoholiker besucht hatte und dann wieder abstürzt, entwickelt – erst nach und nach erfährt man, wer der Mann eigentlich ist und wie er tickt – , ist sehr gekonnt.
 
  Larrys Gedanken zur Sucht gehören zu der Art von Drogenaufklärung, von der Suchttherapeuten gut beraten wären, sich leiten zu lassen: „Larry kam zu dem Schluss, dass die Menschen eigentlich nur lebten, um sich in irgendeiner Form zu berauschen. An der Liebe, am Sieg, an der Familie, am Heroin, am Alkohol, an der Arbeit, am Erfolg, an der Illusion ... Und sobald die Wirkung der Droge, der sie sich verschrieben hatten, nachliess, oder sobald man ihnen ihre Drogen entzog, suchten sie sich eine neue, die ähnlich war, aber doch anders: Ein anderer Drink, ein anderer Schuss, ein anderer Geliebter, ein anderes Kind, eine andere Wohnung, eine andere Arbeit ... Glück ist kein feststehender Zustand, sonst ist es gleichbedeutend mit Langeweile.“ Und wer sich langweilt, sucht sich meist eine Droge, um ihr zu entfliehen.
 
  Larry und Lu kommen einander mit der Zeit näher, was auch damit zu tun hat, dass beide tragische Aussenseiter sind. „In dem Moment wurde ihnen klar, dass es gar nicht so schwierig war, friedlich miteinander umzugehen. Es genügt, keine Erwartungen mehr ans Leben zu haben.“
 
  Postämter ausraubend fliehen sie durch halb Frankreich. Was gewaltfrei beginnt, gerät zunehmend ausser Kontrolle. Schlussendlich lassen die beiden eine veritable Blutspur hinter sich.
 
  Christian Roux versteht es hervorragend, die Spannung zu steigern und mit dem Schluss gelingt ihm geradezu ein Geniestreich. Er wird hier natürlich nicht verraten, doch zwei Sätze daraus müssen sein: „Auch der Präsident hatte gelernt, misstrauisch zu sein. Alle Mörder waren das.“

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