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Karl Ove Knausgård
Träumen
(Min Kamp V)

Luchterhand
2015
Übersetzt von Paul Berf
800 Seiten
ISBN-13: 978-3630874142
€ 24,99


Von Hans Durrer am 20.03.2015

  Karl Ove Knausgård zu lesen, bedeutet für mich, dem Leben näher zu kommen. Und so recht eigentlich verblüfft mich das, denn er tut ja nichts anderes, als zu beschreiben, was er tut und was er sieht und was ihm so durch den Kopf geht. Ziemlich egomanisch, denkt es so in mir, doch das ist nicht, was ich empfinde. Ich habe vielmehr den Eindruck, da versuche einer das Leben mittels der Sprache zu fassen, es durch die Sprache wirklich werden zu lassen. Würde mir jemand sowas als Theorie oder als Konzept verkaufen wollen, würde ich abwinken; lese ich hingegen Knausgård, so ist das ungeheuer stimmig und mir ist, als ob ich das Leben, mein Leben, dadurch tiefer und intensiver erfahre.
 
  Mich erinnert die Lektüre von „Träumen“ unter anderem an die Fotografin Dorothea Lange, die einmal sinngemäss sagte, die Kamera sei ein Instrument, welches uns das Sehen ohne Kamera beibringe. Was ein Fotograf mit der Kamera macht – der Zeit einen Moment stehlen und aufbewahren – , macht Knausgård mit Worten.
 
  Das Verblüffende (jedenfalls für mich) an dieser monumentalen und obsessiven, auf sechs Bände angelegten Autobiografie, ist die Wirkung, die dieses völlig humorfreie Unterfangen auf mich hat. Ich fühle mich sehr präsent, lebendig und wach. Und weiss klarer und deutlicher und eindringlicher, dass das wirklich Faszinierende das Banale ist.
 
  Das liegt, so stelle ich mir vor, wesentlich daran, dass des Autors exzessive Subjektivität zur Folge hat, dass man sich darin wiedererkennt. Je subjektiver, desto allgemeingültiger, so scheint es. Weil wir uns identifizieren können. Wir sind nämlich alle viel weniger originell als wir annehmen. Anders gesagt: Knausgård erzählt unser aller Geschichte.
 
  14 Jahre verbrachte Knausgård in Bergen, wo er einen Studienplatz an der Akademie für Schreibkunst (einer der Leiter ist Jon Fosse) bekommen hatte und wo er versuchte, Schriftsteller zu werden. Und wo er die Onanie entdeckt. Und sich in Ingvild verliebt – anrührend wie linkisch und unsicher die beiden sich bei ihrem ersten Date aufführen. Als er realisiert, dass er sie gar nicht kennt, notiert er: „ ... gegen Gefühle konnte man nicht argumentieren, und das sollte man auch nicht, denn sie waren immer im Recht. Ich sah sie, sie war hier, und das, was sie ausstrahlte, was sie war, lebte sein Leben vollkommen unabhängig davon, was sie sagte oder nicht sagte.“
 
  Er träumt, dass Ingvild und sein Bruder Yngve, zusammen sind. Dann erweist es sich, dass sein Traum die Wirklichkeit vorhergesehen hatte – völlig besoffen wirft Karl Ove mit voller Wucht Yngve ein Glas ins Gesicht.
 
  An der Akademie für Schreibkunst wird unter anderem das Gedichte-Schreiben geübt. „Es hatte sich bereits ein fester Ablauf etabliert: einer der Studenten las, die anderen kommentierten das Gehörte nacheinander, und wenn alle sich geäussert hatten, kommentierte der Lehrer den Text. Der letzte Punkt war am bedeutsamsten, vor allem wenn dieser Lehrer Fosse war, denn obwohl er nervös war und ein wenig scheu wirkte, hatte das, was er sagte, eine Substanz und Überzeugungskraft, die alle genau zuhören liessen, wenn er das Wort ergriff.“ An Knausgårds erstem Gedicht lässt Fosse fast kein gutes Haar, nur gerade das Wort „Widescreen-Himmel“ lässt er gelten.
 
  Einen Roman, will Knausgård schreiben. „Einen Gegenwartsroman. Ich versuche, ihn so zu schreiben, dass er gleichzeitig unterhaltsam und tiefgründig ist. Das ist gar nicht so einfach. Ich interessiere mich fürs Paradoxe. Für Dinge, die hässlich und schön, edel und gemein sind.“ Das ist schwieriger, als er angenommen hat. Als in der Akademie Kurzprose durchgenommen wird, merkt er, dass das, was er bewundert, er selber nicht hinkriegt. „Ich las das Buch, es war fantastisch, auf ähnliche Weise von Düsternis durchdrungen wie Paul Celans 'Todesfuge', konnte so jedoch nicht schreiben, keine Chance, ich wusste nicht, wodurch diese Durchdringung mit Düsternis erzeugt wurde. Selbst wenn ich den Text Satz für Satz durchging,liess es sich nicht bestimmen. Es befand sich an keinem bestimmten Ort, wurde nicht von bestimmten Worten herbeigezaubert, sondern ruhte überall, wie eine Stimmung in einer Seele ruht.“
 
  Es ist selten, dass jemand so gut beschreibt, was eigentlich nicht beschrieben werden kann.

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