Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Owen Sheers
I Saw a Man

DVA
2016
Übersetzt von Thomas Mohr
304 Seiten
ISBN-13: 978-3421046697
€ 19,99


Von Hans Durrer am 06.03.2016

  „I Saw A Man“ ist zwar ein etwas sehr eigenartiger Titel für ein deutsches Buch, doch wie Owen Sheers diese Geschichte erzählt, die wesentlich um Michael, den erfolgreichen Autor, und Caroline, die ebenso erfolgreiche Journalistin, kreist, ist spannend, elegant und tiefgreifend.
 
  Die beiden hatten sich in Wales niedergelassen, als Caroline eines Tages einen Auftrag für einen zweiwöchigen Auslandseinsatz in Pakistan bekommt und dort ihr Leben verliert. Michael erträgt das Leben im gemeinsamen Haus nicht mehr und zieht nach London, wo er eines Tages bei seinen Nachbarn, den Nelsons, vorbeischaut. Er tritt ein, es scheint niemand zu Hause zu sein ...
 
  Als Leser will man jetzt natürlich wissen, ob das Haus wirklich leer ist und ob vielleicht etwas Schreckliches vorgefallen ist. Doch der Autor spannt den Leser auf die Folter, nimmt eine Rückblende nach der anderen vor, berichtet davon, wie Michael und Caroline sich kennenlernten, wie Michael und die Nelsons sich näher kamen, was Nevada und Pakistan verbindet und und und. Das ist höchst raffiniert und packend geschildert, so dass man zwar immer noch die Frage im Kopf behält, was denn nun eigentlich im Haus der Nachbarn geschehen ist (man weiss von Spannungen in der Ehe), doch fast ebenso neugierig die „Neben-Geschichten“ verfolgt.
 
  Im Haus der Nelsons kommt es Michael plötzlich so vor, als ob Caroline noch am Leben wäre. Er vermeint, sie zu sehen, hält sie für real. Ich fühlte mich an Hanno Kühnerts „Handbuch für Verstorbene“ erinnert, einen Roman, in dem die Toten als Geister unter uns weilen.
 
  So recht eigentlich besteht “I Saw A Man“ aus ganz unterschiedlichen Geschichten, die fast nahtlos ineinandergreifen. Dass Owen Sheers es schafft, sie alle – von Samantha Nelsons Fotostudien an der New Yorker Parsons School for Design bis zu den Piloten, die vom Luftwaffenstützpunkt in der Wüste Nevadas aus Drohnen steuern – durchgehend fesselnd zu erzählen, ist bewundernswert.
 
  Wie im richtigen Leben, so hängt auch in diesem wunderbar gelungenen Buch alles miteinander zusammen, löst ein Ereignis eine Vielzahl von anderen Ereignissen aus. Wir wissen das, theoretisch. „I Saw A Man“ macht es erfahrbar. Spielte die Handlung in London, glaubte ich mich physisch vor Ort; spielte sie in Nevada ebenso. Ja mehr, ich wollte sofort wieder hin.
 
  Ich will hier nicht das Buch nacherzählen, ihm nicht die Spannung nehmen. Doch ein Beispiel für Owen Sheers gescheite, meine Vorstellung erweiternde Erzählkunst muss sein. Im Verlaufe der Geschichte verliert ein vierjähriges Mädchen sein Leben. Dazu schreibt der Autor unter anderem: „Vier Jahre Erinnerungen, Ideen, Schmerzen, Lieblingsfarben. Lieblingsspielzeug waren dahin. Ein einzigartiges genetisches Muster war ausgelöscht worden. Züge und Eigenschaften ihrer Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern waren im Augenblick von Lucys Sturz gestorben ...“.
 
  Sein Buch setze sich mit Themen wie Freundschaft und Familie, Verlust und Schuld auseinander. Was denn für ihn besonders im Mittelpunkt stehe?, wurde der Autor einmal gefragt. „Hoffentlich alle Themenin gleichem Masse“, antwortete er. „Ich wollte einen Roman schreiben, in dem nichts an den Rand gerückt ist.“ Das ist ihm höchst überzeugend gelungen.
 
  „I Saw A Man“ ist auch ein Buch über Leid und Lügen – und letztlich darüber, dass nur die Wahrheit uns (teilweise) frei machen kann. Ein Meisterwerk!

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.