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Cecily Corti
Man muss auf dem Grund gewesen sein

Christian Brandstätter Verlag
2015
144 Seiten
ISBN-13: 978-3850339087
€ 19,90


Von Hans Durrer am 20.02.2016

  Mir war Cecily Corti bislang kein Begriff; von ihrem Mann, Axel Corti, war mir auch nicht viel mehr bekannt als der Name sowie dass er Regisseur gewesen war. Mit dem höchst eindrücklichen „Man muss auf dem Grund gewesen sein“ hat sich das geändert. Es handelt sich um Gespräche zwischen Cecily Corti mit der Theater- und Filmregisseurin Jacqueline Kornmüller, die von letzterer aufgezeichnet worden sind.
 
  Ich bin sofort drin, in diesem Buch, fühle mich berührt und angesprochen. Wegen Sätzen wie: „ ... ist es nicht die innere Wahrheit, die uns Menschen verbindet?“ Und „'Jeder Mensch scheidet von dieser Erde mit einer unerfüllten Sehnsucht. Aber die Treue zu dieser Sehnsucht ist die Erfüllung unseres Lebens', lese ich bei Christine Busta.“
 
  Bei Richard Coudenhove-Kalergi, einem Verfechter europäischer Identität, arbeitet sie einen Sommer lang als Privatsekretärin. Wunderbar, wie sie ihn mit wenigen Worten charakterisiert: „Ein Gentleman der alten Schule: Wie er sich kleidete, wie er ging, wie er sich verhielt, wie er mich begrüsste oder verabschiedete – das hatte Format.“
 
  Bei den Alpbacher Hochschulwochen lernt sie Axel Corti kennen. „Alles in seiner Art war mir neu. Seine Interessen, seine Phantasie, seine Leidenschaft, seine ausgeprägte Sinnlichkeit und Zärtlichkeit. Aber auch seine unentwegte Unzufriedenheit und Kritik.“ Die beiden hatten es nicht leicht miteinander, was wesentlich daran lag, dass bei ihm die Arbeit an erster Stelle stand, doch: „Kein Mann zuvor hatte mich als die erkannt, die ich bin, von der ich selber nichts wusste.“
 
  Sie hatten drei Söhne, trennten sich, kamen wieder zusammen. Im Alter von 60 Jahren stirbt Axel Corti an Leukämie; Cecily ist 53 und muss ihrem Leben eine neue Ausrichtung geben. Sie beginnt sich für Obachlose zu engagieren, dabei werden die 'bedingungslose Akzeptanz' sowie die 'Sünde der Distanz' zu den zwei bestimmenden Aspekten ihrer Arbeit.
 
  'Bedingungslose Akzeptanz' als Idee oder Konzept finden viele gut, doch was heisst das in der Praxis? Soll man etwa Hunde in der Notschlafstelle akzeptieren? „Wir beschlossen, Obdachlose mit Hund aufzunehmen. Die Hunde sind oft die einzigen Begleiter, die obdachlosen Menschen wirklich nahestehen. Keiner von ihnen würde sich von seinem Hund trennen, um ein Bett für die Nacht zu haben. Auch das verstanden wir unter bedingungsloser Akzeptanz.“
 
  Cecily Corti ist ein gutes Beispiel dafür, dass man keine ausgebildete Sozialarbeiterin sein muss, um eine Notschlafstelle zu führen. „Ich habe die Notschlafstelle immer als einen Ort der Übung angesehen. Wir waren alles Leute, die noch nie so etwas gemacht hatten. Was kann daran so schwer sein? Untertags entlassen wir die Menschen auf die Strasse, abends nehmen wir sie wieder auf. Wir geben ihnen ein einfaches Abendessen (...) Vor allem aber wollten wir jedem Gast ohne Urteil, ohne Vorurteil, ohne jedes Gefühl von Überlegenheit begegnen. Darin sah ich die eigentliche Aufgabe.“
 
  Geleitet wird sie dabei vom Anfängergeist, der offen dafür ist, alles so zu erleben, also ob es das erste Mal sei.
 
  Bei ihrem Einsatz für Bedürftige erfuhr Cecily Corti auch prominente Unterstützung, unter anderen von Christoph Kardinal Schönborn, Bundespräsident Heinz Fischer und Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner.
 
  „Wenn wir eine bessere Welt wollen, mössen wir zuerst lernen, anders miteinander umzugehen“, sagt sie einmal. Voraussetzung dafür ist, dass wir ein gesundes (ausbalanciertes) Verhältnis zu uns selber, zu der eigenen inneren Welt, herstellen. Und wie schafft man das? „Die Erfahrung der Stille war und ist für mich entscheidend“, meint Cecily Corti.

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