Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Henry James
Die Europäer
(The Europeans)

Manesse Verlag
2015
Übersetzt von Andrea Ott
256 Seiten
ISBN-13: 978-3717523888
€ 24,95


Von Hans Durrer am 16.02.2016

  Ein Könner ist hier am Werk: anschaulich, genau, nichts entgeht ihm. Gleichzeitig wirkt alles leicht und elegant und höchst subtil, auch wenn ich manchmal nicht verstand, was ich las: „ ... trug ihre dreiunddreissig Jahre, wie eine zartgliedrige Hebe einen randvollen Weinkelch tragen mochte.“ Was ist bloss eine Hebe?
 
  Wikipedia hilft: In der griechischen Mythologie ist die Hebe die Göttin der Jugend. Der Autor (und/oder die Übersetzerin) haben offenbar das Bildungsbürgertum als Leserschaft im Auge; ich bin etwas verstimmt, denn damit habe ich nun wirklich gar nichts am Hut, das Feuilleton der ZEIT hingegen umso mehr: „Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos.“ Was natürlich mehr über die Schöngeister der ZEIT sagt, als über das Leben.
 
  Baronin Eugenia Münster und ihr Bruder Felix Young machen sich bei ihren Verwandten in Neuengland auf die Suche nach einer guten Partie. Die Amerikaner sind Menschen mit Geld und Prestige, Puritaner („... nichts übersteigt die Zügellosigkeit, die sich die Fantasie puritanischer Leute manchmal erlaubt.“), die das Leben als Mühsal sehen und die beiden Europäer aus Pflichtgefühl bei sich aufnehmen.
 
  Kurz darauf beginnt sich zwischen der Baronin und Robert Acton etwas anzubahnen. Und zwischen Felix und Gertrude und zwischen ... doch ich will hier nicht die Geschichte rekapitulieren, nur ein paar Eindrücke aufnotieren.
 
  Henry James' Meisterschaft zeigt sich einerseits in wohlformulierten Beobachtungen, denen nichts zu entgehen geht – „Als die Barouche (laut Wikipedia 'ein luxuriöser, vierrädriger, offener, zweispänniger Pferdewagen') vorfuhr, schien ihn das grosse, schnörkellose Haus freundlich anzusehen; davor warfen die hohen, schlanken Ulmen ihre allmählich länger werdenden Schatten“ – und andrerseits in scharfsichtiger Psychologie. „Die Baronin war eine ruhelose Seele, und man kann sagen, sie übertrug ihre Ruhelosigkeit auf jede gegebene Situation. Bis zu einem gewissen Punkt konnte man sich darauf verlassen, dass diese Ruhelosigkeit sie unterhielt. Sie erwartete immer, dass etwas geschah, und solange diese Erwartung noch nicht enttäuscht wurde, war sie schon für sich genommen ein erlesenes Vergnügen.“
 
  „Die Europäer“ ist überdies eine gescheite und lehrreiche Lektüre:
  „Ich glaube, Freude erfährt man nicht durch das, was man erlebt oder nicht erlebt“, antwortete ihr Gefährte. „Es ist vielmehr die grundsätzliche Einstellung zum Leben.“
 „Die sieht, zumindest bei uns, das Leben als Prüfung. Das habe ich oft zu hören bekommen.“
  „Nun ja, das ist schon recht. Aber es gibt noch eine andere Methode“, fügte Felix lächelnd hinzu. „Man kann es als Gelegenheit begreifen.“
  „Als Gelegenheit ... ja“, sagte Gertrude. „Auf diese Weise würde es mehr Vergnügen machen.“
 
  Henry James zu lesen bedeutet auch, leicht und amüsant unterhalten – und dabei kulturell aufgeklärt zu werden:
  „Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, sich in den Vereinigten Staaten anzusiedeln?“ (....) „Erstens habe ich noch nie mit einem Gedanken gespielt. Mitunter spielen die Gedanken mit mir, aber ich habe leider niemals ernsthaft einen Plan geschmiedet (...) ich nehme die Dinge, wie sie kommen, und irgendwie folgt immer eins auf andere. Zweitens würde ich mir niemals vornehmen, mich anzusiedeln. Ich kann mich nicht ansiedeln, lieber Onkel, ich bin kein Siedler. Ich weiss, das erwartet man hier von Fremden; die siedeln sich immer an. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, ich habe nie mit diesem Gedanken gespielt.“
 
  Gustav Seibt hat in seinem höchst aufschlussreichen Nachwort unter anderem darauf hingewiesen, dass das Aufeinandertreffen der schlichten, patriarchalischen Sitten Neuenglands mit der europäischen 'Boheme' belebende Auswirkungen auf erstere hatte, „denn zur Frömmigkeit kommen nun auch Liebe, Freude, Lebensart und Kunst, vor allem aber: die Erkenntnis der eigenen Gefühle.“ Besser kann man kaum fürs Voneinander-Lernen plädieren.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.