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Bruno Lafourcade
Sur le suicide
Leurs morts nous intéressent

François Bourin
2014
ISBN-13: 979-1025200216
€ 12,77


Von Volker Frick am 03.02.2016

  Ein heikles und darob noch immer tabuisiertes Thema ist der Suizid, dem Bruno Lafourcade, bisher hervorgetreten als Autor von Artikeln, Kurzgeschichten und Romanen, auf sehr unterhaltsame Weise zu Leibe rückt, wenn auch diese Formulierung, ob des Kontextes, ein leicht schiefes Bild ist.
  Das analytische Vorgehen ist unausgesprochen zusammenfassend historisch mit nicht ungewöhnlicher religionsphilosophischer Kontur, präzise, korrekt und vor allem sehr locker-flockig aufbereitet. Aber 'irgend etwas' störte mich dann bei der Lektüre.
  Das Buch trägt den Untertitel 'Leurs morts nous intéressent', und das ist, was Lafourcade dann en gros abliefert. Suizidanten unterschiedlicher Profession, nebst biographischer Daten, Geschichten und Zitaten. Sportler, Fotografen, Musiker, Soldaten und Politiker (im 'Abécédaire des suicides célèbres' am Ende des Buches findet sich in der Kategorie 'Hommes politiques' die 'Fraction Armée Rouge', die drei Toten nach der Nacht zum 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim – Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – packt der Autor ebenfalls in die Kategorie Suizid).
  Doch da sind die bildenden Künstler, van Gogh, Mark Rothko et. al.. Da, da sind die Schriftsteller, kaum überraschend: die grösste Gruppe. Darob gilt ihnen mein Augenmerk. Nun gibt es unendlich viele Bücher zum Thema Suizid, und der Schriftstellersuizid als Buchthema ist kontinuierlich ein selbiges: im Erscheinungsjahr des Buches 'Sur le suicide' von Bruno Lafourcade gab es noch Luz María Jiménez Faro: 'Poetisas suicidas y otras muertes extrañas'. Madrid 2014, Birgit Lahan: 'Am Todespunkt. 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen'. Bonn 2014 und José Antonio Pérez Rojo: 'Los escritores suicidas'. Albacete 2014. Im vergangenen Jahr erschien Jacques Beaudry: 'Le cimetière des filles assassinées: Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann, Sarah Kane, Nelly Arcan'. Montréal.
  Das Kapitel über die Schriftsteller endet mit einer Zwischenüberschrift: 'La chouette aveugle', was der französische Titel eines Buches eines jener Schriftsteller ist, die auf den Seiten 146-8 erwähnt werden. Diese Seiten lesen sich - als Zitat mit Auslassungen – so: „Pourquoi Hunter S. Thompson (…)? Pourquoi Michel Bernanos (…); pourquoi Stig Dagerman (…)? (…) Pourquoi (…) Jean-Pierre Duprey et (…) Sarah Kane (…)? Pourquoi Florbela Espanca (…); (…) Raymond Roussel (…)? Pourquoi Sadegh Hedayat (…); (…) Kawabata (…); (…) Carolyn G. Heilbrun? Pourquoi Bernard Lamarche-Vadel (…); pourquoi (…) Édouard Levé (…)?
 On ne sait pas.
 On ne sait pas, on ne sait pas, on ne sait pas.“
  Das erinnert an „Wie einfach das doch alles ist, man braucht nur aufmerksam der Fachliteratur zu folgen und weiß dann – was? Nichts.“ So Jean Améry in seinem Buch 'Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod'. Stuttgart 1976. Bekannt, er legte Hand an sich. In toto und in anekdotischer Kürze behandelt Lafourcade 56 Schriftsteller die sich suizidierten. Die kleine feine Auswahl gelingt ob der wohl bekannteren Autoren wie Richard Brautigan, Paul Celan, René Crevel, Tristan Egolf, Romain Gary, Ernest Hemingway, Heinrich von Kleist, Primo Levi, Wladimir Majakowski, Yukio Mishima, Henry de Montherlant, Yves Navarre, Gérard de Nerval, Cesare Pavese, Sylvia Plath, Anne Sexton, Georg Trakl, Kurt Tucholsky, Virginia Woolf, Unica Zürn und Stefan Zweig.
  Bei allen Berühmtheiten oben genannter Professionen verhandelt Lafourcade die Motive, die einen freien souveränen Geist leiten diesen Schritt zu gehen, diesen Sprung zu tun, und er arbeitet sich an einigen kategorischen Schubladen der Suizidforschung ab, aber als ein aufregend neues Buch ist seine essayistisch gehaltene Abhandlung nicht zu postulieren. Allerdings ist dieses Buch im besten Sinne unterhaltsam geschrieben, darob mit Gewinn zu lesen. Ganz im Sinne Enrique Vila-Matas, der schrieb „Ich habe alle Spielarten des Selbstmordes Revue passieren lassen und, nachdem ich gegen jede Todesart Einwände fand, schließlich beschlossen, mich totzukitzeln.“

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