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Kathrin Wessling
Morgen ist es vorbei

Luchterhand
2015
208 Seiten
ISBN-13: 978-3630874944
€ 14,99


Von Hans Durrer am 13.01.2016

  Ich hatte Kathrin Wesslings „Drüberleben“, die Geschichte einer Depression (und mehr), als autobiografischen Text gelesen und beeindruckend gefunden, lese jedoch im Klappentext zu „Morgen ist es vorbei“, es habe sich um ihr „literarisches Debüt“ gehandelt. Und bin jetzt etwas verwirrt, denn Literatur berührt mich selten so, wie mich „Drüberleben“ berührt hat.
 
  Doch mit Einordnungen habe ich schon immer meine liebe Mühe gehabt. Und die, welche ständig ein- und zuordnen, haben ja auch selber oft nicht wenig Mühe damit. Kurz und gut: „Drüberleben“ war wirklich gut geschrieben; wenn man es als Literatur bezeichnen will, von mir aus.
 
  Die dreizehn Stories in „Morgen ist es vorbei“ sind was anderes. Mein erster Eindruck: diese Texte wollen Literatur sein. Beim ersten etwa weiss man anfangs gar nicht so recht, ist es jetzt ein er oder eine sie, der/die da erzählt – und merkt dann allmählich, es ist abwechselnd eine er und eine sie. Für mich hat diese Konstruktion nicht funktioniert.
 
  Was mich auch nicht wirklich überzeugt hat: wenn die Autorin versucht, sich in einen Mann zu versetzen und aus der männlichen Perspektive zu schreiben. Nicht, weil ich der Meinung bin, man solle nur darüber schreiben, was man auch wirklich kennt, sondern weil ich immer eine gewisse Zeit brauchte, bevor ich wusste, ob der Protagonist ein Mann oder eine Frau war. Sicher, das hat auch mit meiner Erwartungshaltung zu tun: Ich weiss, dass Kathrin Wessling eine Frau ist und erwarte mir eine Frau in der Erzählerrolle. Sollte also die Idee gewesen sein, mir meine eigene Voreingenommenheit bewusst zu machen, so ist das gelungen.
 
  Stark und überzeugend fand ich die Geschichten immer dann, wenn ich die Kathrin Wessling von „Drüberleben“ rauszuspüren glaubte. Ihre Sensibilität, ihre Verletzlichkeit, Ihren Kampfgeist und ihre Lebensenergie.
 
  Die Geschichte „Oder wieder niemals“ handelt unter anderem vom Schreiben. „Damit quälst du dich schon dein ganzes Leben lang: mit dem Versuch, all das, was in deinem Kopf ist, auf ein Blatt Papier zu bringen.“ Sehr schön, wie beschrieben wird, wie das dann schliesslich geschieht:
 
  „Nach ein paar Tagen (meistens mitten in der Nacht) bist du endlich bereit. Du spürst es an der Klarheit, die sich langsam in deinem Kopf ausbreitet wie eine grosse Hand, die den Nebel beiseiteschiebt. Du spürst es, als du noch einmal schnell auf ein Bier mit Daniel unterwegs bist, du sitzt neben ihm und weisst plötzlich: du musst jetzt nach Hause gehen, ich kann es jetzt schreiben, nur jetzt, jetzt sofort oder wieder niemals.“

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