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Benjamin Moser
Clarice Lispector
(Why this World. A Biography of Clarice Lispector)

btb
2015
576 Seiten
ISBN-13: 978-3442749041
€ 14,99


Von Hans Durrer am 13.01.2016

  Clarice Lispector wurde 1920 in einem Dorf in der Ukraine geboren, kam gemäss ihren eigenen Worten im Alter von zwei Monaten nach Brasilien, obwohl sie damals, so ihr Biograf Benjamin Moser, sehr wahrscheinlich bereits ein Jahr alt war. Das mag nach einem Detail klingen, doch es ist ein aufschlussreiches, denn in jedem Fall war sie ein kleines Kind, das noch nicht über Erinnerungen verfügt, als sie nach Brasilien kam und trotzdem wurde sie nicht recht als Brasilianerin wahrgenommen, zu rätselhaft war sie.
 
  Tatsache ist, „dass eine grosse Mystikerin in einem für seine grossen Mystiker bekannten Gebiet geboren wurde. Das vielleicht wichtigste Merkmal der Region, aus der Clarice Lispector stammte, war nicht ihre Verelendung oder Unterdrückung, sondern ihre dynamische Beziehung zum Göttlichen.“
 
  Benjamin Moser weist auch auf „den unverkennbaren Stempel Spinozas, der die Natur mit Gott und beide mit einem Fehlen von Gut und Böse gleichsetzt“ in Lispectors Werk hin. Und ich vermute mal, dass ein Teil meiner Faszination für diese Frau daher rührt. Eigenartigerweise hat das Wenige, das ich von ihr und über sie gelesen habe, mich nie wirklich gepackt, ist mir ihr Schreiben grösstenteils fremd geblieben, doch nichts desto trotz übt es einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Das hat wesentlich mit solchen Sätzen zu tun. „Jetzt ist ein Augenblick. Schon ist ein anderes Jetzt.“
 
  Als Schweizer habe ich Mosers Schilderung von Lispectors Zeit in Bern, als Gattin ihres Gatten, der dort als Diplomat amtete, mit besonderem Interesse gelesen. Das Kapitel ist mit „Friedhof der Sinneseindrücke“ überschrieben. „Bern ist von einer grauenhaften Stille. Auch die Menschen sind still und lachen wenig. Nur ich bekomme Lachanfälle.“ Offenbar nicht sehr viele; sie fühlt sich unzufrieden und mutlos. „Man kann nicht einfach Kunst machen, nur weil man ein unglückliches, etwas verdrehtes Temperament hat.“
 
  Die Welt der Diplomaten behagte ihr nicht, sie trennte sich von ihrem Mann, kehrte mit ihren beiden Söhnen nach Brasilien zurück. Einer ihrer Söhne, Pedro, litt unter Schizophrenie, was sie unter anderem zu dieser hellsichtigen Notiz verleitete. „Der Wahnsinn derer, die etwas schaffen, ist anders als der von Geisteskranken. Diese haben sich – neben anderen, mir unbekannten Gründen – auf ihrer Suche verirrt. Sie sind Fälle für den verständnisvollen und strengen, intelligenten Arzt – diejenigen, die etwas schaffen hingegen verwirklichen sich durch den Akt des Wahnsinns.“
 
  Benjamin Mosers Biografie ist ein ganz wunderbares Buch, weil es mir einen Zugang zu Clarice Lispector verschafft, den ich alleine durch ihre Texte nicht gekriegt hätte. Und mir zumindest teilweise meine Schwärmerei für diese Frau verständlich macht.
 
  „Um 1962 begann Clarice ihre letzte Liebesaffaire: mit dem Dichter und Journalisten Paulo Mendes Campos, genannt Paulinho“. Die beiden mussten ein ziemlich ungleiches Paar gewesen sein. „Clarice gross, blond und bezaubernd, und Paulinho, nicht mehr der Byron seiner Jugend, klein, dunkel und trotz seines Charmes äusserlich unattraktiv.“ Ich musste laut heraus lachen, als ich diese Schilderung las. Es handelte sich offenbar um eine grosse Leidenschaft, die ein Freund, Ivan Lessa, so kommentierte: „Von ihren Neurosen her waren sie füreinander geschaffen.“ Wem ein so schönes Zitat nicht Lust auf diese Biografie macht, dem kann nicht geholfen werden.

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