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Haruki Murakami
Gefährliche Geliebte

Dumont
2000
230 Seiten
DM 39,90


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Von Claudine Borries am 06.10.2000

  Mit einiger Beklemmung geht man an die Lektüre dieses Buches, nachdem es im literarischen Quartett am 30.06.00 so heftig kontrovers diskutiert wurde. Beschrieben wird die Entwicklung von Hajime, einem jungen Mann, geb. 1951, zwischen seinem ca. 16. und 37. Lebensjahr. Vorwiegend sind seine Beziehungen zu Frauen Bestandteil der Beschreibung seiner Entwicklungsgeschichte. Hajimes sexuelle Erlebnisse werden sehr deftig und handfest beschrieben. Man fühlt als Leser eine gewisse Ambivalenz bei der Indiskretion dieser Beschreibungen. Sie sind keinesfalls erotisch. Es gibt aber auch Szenen von großer Behutsamkeit und Zartheit bei diesen Begebenheiten.
  Nach einigen mehr oder weniger intensiven Erlebnissen und Erfahrungen, die verbunden sind mit Erfolgen aber auch Kränkungen für alle Beteiligten, lernt Hajime nach einer langen Zeit des Alleinseins und der Einsamkeit, er ist inzwischen dreißig Jahre alt, seine spätere Frau kennen; sie heiraten , bekommen zwei Töchter, und er kann sich eine befriedigende berufliche Verbesserung erlauben, die ihm zu gesichertem Wohlstand verhilft. Lediglich der Hinweis auf seine Zeit während der Studentenunruhen zeigt, dass er sich über die Veränderungen, die sich in ihm ereignen, wundert,-- und dass er vieles im Leben als zufällig und schicksalhaft empfindet. Bis dahin bleibt die Geschichte nicht besonders aufregend. Ein typischer Entwicklungsroman, nachvollziehbar in den verschiedenen Entwicklungsphasen, wie sie junge Menschen durchleben.
  Dann aber beginnt eine merkwürdige, wirklich erotische Geschichte: In seiner Bar, die er betreibt, erscheint eines Tages eine Frau, reizvoll, anziehend, schön und geheimnisvoll. Er erkennt sie: es ist Shimamoto, seine früheste Kindheitsliebe aus der Zeit, als sie beide 12 Jahre alt waren. Sie erscheint, verschwindet, -- und bleibt geheimnisvoll. Er erfährt nichts über ihr Leben. Sie verweigert jede Auskunft darüber. Der Leser wird in die Phantasien über ihren Lebenshintergund hineingezogen.
  Hajime ist hingerissen, fiebert den Besuchen von ihr entgegen,--- sie scheint unerreichbar für ihn zu bleiben. Nach längerer Abwesenheit sieht er sie wieder. Auf sein Drängen hin verbringen sie eine ekstatische Nacht zusammen,-- am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Er kehrt zu seiner Frau zurück.
 
  Es geht in diesem Roman ganz offensichtlich um eine Sinnkrise, wie sie viele Menschen erfahren, wenn sie erst die Nahziele Ihrer Existenz- und Familiengründung erreicht haben. Die unerfüllten Träume, Phantasien, Begehren nach Unerreichbarem, machen sich in solchen Krisen bemerkbar. Das, was nicht erreicht werden kann, wird zum Phantom, das alle anderen Bereiche überlagert. Überschwemmende Gefühle beherrschen das Leben , führen zu Identitätskrisen,-- ja, zuletzt ist deutlich spürbar, dass Hajime zur Sicherheit seines Lebens in die Ehe mit seiner Frau und zu seinen Töchtern zurückstrebt. Ein leicht trauriger, melancholischer, vielleicht sogar depressiver Hajime bleibt am Ende übrig.
  Das Zusteuern auf eine Lebensmitte mit Sinnkrise wird von Haruki Murakami sehr gut in seinem Roman herausgearbeitet. So kann das Leben sein, wenn man wirklich erwachsen geworden ist!
  Das Buch ist leicht und unterhaltsam geschrieben. Man findet sich gut und schnell hinein. Im Abstand und Rückblick finde ich das Buch sehr lesenswert.

 

 

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