Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Holm Tetens
Gott denken
Ein Versuch über rationale Theologie

Reclam
2015
96 Seiten
ISBN-13: 978-3150192955
€ 5,-


Von Hans Durrer am 01.01.2016

  Für Naturalisten besteht die gesamte Realität nur aus natürlichen Dingen. „Den Glauben von Erwachsenen an Gott hält der Naturalist für intellektuell beschämend ...“, so Holm Tetens, Professor für theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin, der selber kein Naturalist ist und in diesem schmalen Bändchen überzeugend darlegt, dass nicht der Nicht-Naturalist ein Brett vor dem Kopf hat, sondern derjenige, der glaubt, dass allein die Wissenschaften erkenntnistheoretisch vorurteilsfrei offen für die Wirklichkeit sind.
 
  Nicht-natürliche Vorgänge gibt es für die Wissenschaften nicht. Bei dieser Ausgangslage ist nicht verwunderlich, dass es weder Gott noch Götter geben kann.
 
  „Dürfen und sollen wir das Dasein Gottes behaupten?“, fragt Holm Tetens und wer jetzt gleich, und ohne sich etwa gross Gedanken zu machen, mit: „Ja, klar, sowieso“ antwortet, für den ist dieses Büchlein nicht unbedingt gedacht, es sei denn, er/sie habe auch Phasen, in denen er/sie gerne denkt, denn um die Frage zu beantworten, genügt nicht, einfach eine Meinung zu haben (das wäre etwas gar billig), sondern es setzt die Bereitschaft voraus, „erhebliche Gedankenarbeit“ zu leisten.
 
  „Gott will nur das, was vernünftig, gut und schön ist, und er will nichts, was unvernünftig ist. Er will insbesondere nichts, was logisch oder begrifflich widersprüchlich ist. Das logisch und begrifflich Widersprüchliche denkt er noch nicht einmal. Umgekehrt legt er sich auf alles logisch oder begrifflich Wahre fest und will es auch.“ Das klingt fast so, als ob Holm Tetens versuchen würde, sich selbst zu beschreiben.
 
  Doch Spass beiseite – Tetens schreibt schliesslich an anderer Stelle, Menschen seien endliche Ich-Subjekte, Gott hingegen ein unendliches Ich-Subjet – , es geht ja hier um den Versuch, Gott zu denken. Und dass man das mit der einem zur Verfügung stehenden Ratio tut, drängt sich so recht eigentlich auf. „Natürlich, wir können uns Gottes 'Denkschaffen' nicht vorstellen. Es ist freilich unerheblich, dass uns unser Vorstellungsvermögen in diesem Falle im Stich lässt. Auch die Quantenmechanik zum Beispiel behauptet über Quantenobjekte vieles, und das meiste davon können wir uns nicht vorstellen, sondern es nur mathematisch widerspruchsfrei beschreiben. Genauso ist es mit Gottes Denken und Wollen. Wir können uns widerspruchsfrei denken, dass etwas existiert und es von Gott mit vernünftigen Gründen als etwas gedacht wird, das auch der Fall sein soll. Und ebenso widerspruchsfrei können wir denken, dass etwas, von dem Gott mit guten Gründen denkend will, dass es der Fall sein soll, auch tatsächlich der Fall ist. Mehr müssen wir nicht wissen; mehr sollten wir auch nicht behaupten.“
 
  Weder die naturalistische noch die nicht-naturalistische Kernthese lassen sich definitiv beweisen oder widerlegen, doch lassen sich die beiden nach vernünftigen Gesichtspunkten miteinander vergleichen und genau dies tut Holm Tetens einleuchtend und nachvollziehbar.
 
  Höchst aufschlussreich fand ich insbesondere seine Anregung, die beiden Thesen vom Ende oder der Konsequenz her zu betrachten: Die naturalistische Auffassung bietet die Desillusionierung, die theistische eine Erlösungsperspektive.
 
  Reines irrationales Wunschdenken, diese Erlösungshoffnung, werden nun die einen sagen. Doch ist sie wirklich so irrational? Dazu Holm Tetens: „Die Erlösungshoffnung wäre nur dann rumdum unvernünftig, wenn der Naturalismus beweisbar wahr und der Theismus im logischen Gegenzug beweisbar falsch wäre. So ist es nicht, im Gegenteil ...“.
 
  Die Gründe dafür finden Sie in diesem höchst anregenden Buch.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.