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François Roux
Die Summe unseres Glücks
(Le Bonheur national brut)

Piper
2015
Übersetzt von Elsbeth Ranke
640 Seiten
ISBN-13: 978-3492056939
€ 24,-


Von Hans Durrer am 17.12.2015

  Paul ist der Sohn eines sadistischen Frauenarztes, traut sich nicht viel zu, verheimlicht dafür umso mehr, auch sein Schwulsein. Auf Wunsch seines Vaters soll er in Paris Medizin studieren, wo er aber vor allem sein Schwulsein auslebt. „Die Summe unseres Glücks“ ist auf weiten Strecken die Geschichte des „coming out“ von Paul.
 
  Benoît wird Lokalreporter. Tanguy erkürt sich den jungen Unternehmer Bernard Tapie zum Vorbild, fällt zweimal durch die Uni-Prüfungen, bis er sie schliesslich schafft. Rodolphe schafft die Uni spielend, ist höchst Karriere-orientiert, lernt Alice kennen, die aus einer vermögenden Familie stammt, steigt sozial auf. Paul wird Schauspieler.
 
  Vier ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale, die vor allem, aber nicht nur durch die gemeinsame Jugend miteinander verbunden sind, schildert François Roux in „Die Summe unseres Glücks“. Schauplatz ist dabei vorwiegend das Frankreich der 1980er Jahre, in denen Aids, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und Konsumwahn die vorherrschenden Themen waren
 
  Als Rodolphe und Alice eines Tages Benoît besuchen, verliebt sich dieser Hals über Kopf in Alice, hält sich aufgrund seiner strengen moralischen Grundsätze (sie gehörte zu Rodolphe) jedoch sehr zurück. Als Alice sich Benoîts Fotografien anschaut, ist sie überwältigt von seiner Arbeit.
 
  Wie der Autor diese Szene schildert, ist wunderbar gekonnt. Benoît verguckt sich in Alice, diese wiederum in seine Bilder. Dabei entdeckt sie etwas in ihm, was ihm gar nicht bewusst war. „Im Übrigen betrachtete sich Benoît auch gar nicht als Künstler. Für ihn war das ein hohles Wort, ein unnötig aufgeblasener Begriff, der ihm in nichts entsprach, und von dem er eher ein wenig Angst hatte.“ Alice bittet ihn um ein paar Aufnahmen, „die sie 'ein paar herausragenden Pariser Spezialisten' zeigen wollte. Benoît fühlte sich wie vergewaltigt.“
 
  Alice arrangiert eine Ausstellung in Paris, die der Autor höchst eindrücklich beschreibt. Und auch mit Witz. „Es schien ihr nicht peinlich zu sein, solchen Stuss zu quatschen. Mir wurde klar, dass sie unter all den Trotteln hier durchaus in der richtigen Gesellschaft war.“
 
  Dann macht die Geschichte einen Sprung und wir sind im Jahre 2009. Unsere vier Protagonisten sind mittlerweile 46 Jahre alt.
 
  Tanguy hatte in einem Konzern Karriere gemacht, der für eine Kampagne den berühmt gewordenen Fotografen Benoît engagieren will. Die Benoît-Verbindung gibt es auch zu Alice, die ihn mit ihrer Agentur vertritt … Verbindungen also allerorten – sie sollen hier nicht alle verraten werden – und François Roux schafft es, diese einleuchtend und gut nachvollziehbar zu machen.
 
  „Die Summe unseres Glücks“ zeichnet sich unter anderem durch die gut gelungenen Charakterschilderungen aus. So liest man etwa über den ehrgeizigen Politiker Rodolphe: „Ihm fehlte, was für einen Politiker unabdingbar ist: das feine psychologische Gespür.“ Und an anderer Stelle: „Seine Bemerkung offenbarte wieder einmal seinen permanenten Spagat zwischen Begeisterung und Gehässigkeit.“
 
  François Roux ist ein höchst talentierter Vermittler von Stimmungen und hat ein Händchen für die Schilderung schwieriger und komplexer menschlicher Beziehungsmomente. Ganz wunderbar, wie er etwa die Ehe von Rodolphe und Alice beschreibt. „Die rationale Grundlage ihrer Ehe blieb den meisten Aussenstehenden ein Rätsel – und vielleicht sogar ihnen selbst. Doch ist das nicht eigentlich der Normalfall?“
 
  Solcher Sätze wegen lese ich Bücher. Und vor allem dann, wenn sie in ein spannend erzähltes zeitgeschichtliches Geschehen eingebettet sind.

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