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Ross Macdonald
Dornröschen
(1973)

Diogenes
Übersetzt von Karsten Singelmann
ISBN-13: 978-3257300338
€ 14,90


Von Hans Durrer am 21.11.2015

  Dieser Roman erschien 1975 erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Dornröschen war ein schönes Kind“ in der Übersetzung von Wulf Teichmann. Die nun vorliegende Ausgabe wurde von Karsten Singelmann aus dem Amerikanischen übertragen, von Donna Leon mit einem wenig ergiebigen Nachwort versehen und präsentiert sich in einer handlichen Ausgabe mit leserfreundlicher Schrift und ansprechendem Satzspiegel.
 
  Ich erinnere mich, die gelb/schwarze Ausgabe von 1975 gerne gelesen zu haben, doch die Geschichte war mir nicht mehr präsent (von den meisten Büchern bleiben mir eh meist nur Stimmungen und vielleicht einzelne Szenen), als ich mich in die Neu-Übersetzung vertiefte.
 
  An der südkalifornischen Küste ist eine Ölplattform explodiert, der Strand ölverschmutzt, Tiere sterben, Umweltschützer treten auf den Plan, zwei Morde geschehen, eine reiche Familie ist darin verwickelt und Detektiv Archer ist mitten drin im Geschehen.
 
  Ross Macdonald erzählt routiniert und spannend, doch seine eigentliche Stärke liegt im Schildern der einzelnen Charaktere. Er weiss um die Verschrobenheiten, Einbildungen und Wahnvorstellungen der Menschen und hat mit Detektiv Archer eine überzeugende Figur geschaffen: menschlich, realistisch und romantisch. Realistisch und romantisch? Wie soll denn das zusammengehen? Für die, welche Widersprüche aushalten und sie nicht auflösen müssen, geht das bestens zusammen.
 
  Höchst überzeugend schildert Macdonald, was in einem psychotischen Überzeugungstäter abläuft und wie ungemein fähig solche Menschen darin sind, nicht nur andere, sondern auch sich selber von ihrer Weltsicht zu überzeugen. So sehr Archer diese Menschen auch versteht, er entschuldigt sie nicht etwa, er ist wütend über sie, weil sie nur mit sich selber beschäftigt sind und überhaupt keine Rücksicht auf andere nehmen. Anders gesagt: Ross Macdonald zu lesen ist weitaus unterhaltender und lehrreicher als ein Psychologiestudium.
 
  Donna Leon meint in ihrem Nachwort unter anderem, „Dornröschen“ sei auch „eine nachdenkliche Betrachtung über die Ehe“. In der Tat, doch vielleicht mehr noch über das Familienleben oder das Gesellschaftsleben allgemein, denn was Macdonald speziell gut kann, ist aufzuzeigen, wie alles und alle miteinander verbunden sind.
 
  Es liegt viele Jahre zurück, dass ich Ross Macdonald gelesen habe. Und erinnere mich vor allem an die Geschichte mit Warren Zevon. Dieser lag alkoholkrank im Spital als ihn der von ihm bewunderte Macdonald einmal besuchte. Er fürchte, dass, wenn er nicht mehr saufe, ihm seine Kreativität abhanden käme, er keine Songs mehr schreiben könne, sagte Zevon. Worauf Macdonald meinte, er, Warren, schreibe gute Songs, obwohl er saufe und nicht, weil er saufe.
 
  Weitere Neuübersetzungen seien in Vorbereitung, lässt der Verlag wissen. Man darf gespannt sein.

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