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Fred Duval / Jean-Pierre Pécau / Colin Wilson
Tag X
Die Kennedy-Gang

Panini
2015
56 Seiten
ISBN-13: 978-3957984548
€ 14,99


Von Alemanno Partenopeo am 07.11.2015

  Auf einem metallenen Gitterbett räkelt sich eine nackte Blondine in Großaufnahme, eine Miniatur zeigt darüber zwei umgedrehte, geleerte Champagnerflaschen in einem Sektkübel und nette Grüße vom Valentinstag an eine bestimmte Norma Jean Baker von einem gewissen Joe. Ist die nackte Frau tot? Doch dann klingelt plötzlich das Telefon: „Pringggg!!!“
  „1947: Willkommen in New Orleans, Zentrum des Alkoholschmuggels während der Prohibition.“ Mit diesem Untertitel beginnt eine weitere Episode der „Tag X“-Reihe, die sich außergewöhnlichen historischen Ereignissen widmet, diese aber anders darstellt, als sie gewesen sind, denn in der großformatigen und bunten Comicreihe zählt vor allem die Frage „Was wäre, wenn…“, die Frage schlechthin, die an einem Tag X den historischen Ereignissen eine ganz andere Richtung hätte geben können. Die durchwegs faszinierenden Graphic Novel Erzählungen beziehen sich auf historische Fakten und realistische Annahmen, stellen diese aber in einen anderen Kontext, als sie wirklich geschehen sind: Wie hätte die Zukunft sich entwickelt, wenn an einem bestimmten Tag X die Dinge ganz anders gelaufen wären, als sie gelaufen sind?
  In geschickt montierten Zeichnungen wird die Arbeit der beiden Kennedy-Brüder, den Söhnen des bekanntesten Alkoholschmugglers seiner Zeit, porträtiert und auch deren Gefährlichkeit eindrucksvoll nachvollziehbar gemacht. Die Freiheitsstatue, die hier eine phrygische Mütze zeigt, steht nicht in New Orleans, sondern wie der Koloss von Rhodos über dem Eingang einer Stadt, bei einer Brücke. Das Tor nach New Orleans verheißt so vielen Ankömmlingen Freiheit und Arbeit, doch nicht nur der schwarze Gitarrist Leroy beklagt sich über das leere Versprechen. „Strange Fruit“ sei eben nicht nur ein Lied von Billie Holiday, sondern auch eine „lokale Unsitte“: der Song handelt vom Lynchmob, der aufständische Sklaven kurzerhand auf einem Baum aufhängte, ohne Gerichtsverhandlung, ohne Schuld, einfach nur so zum Spaß: „Southern trees bear a strange fruit,/Bloood on the leaves and blood at the root/Black bodies swinging in the southern breeze/ Strange fruit hanging vom popular trees“, heißt es in dem Lied.
  „Wir kamen nie durch das Goldene Tor, wir waren bereits vorher da, und wir waren nie frei“, klagt Leroy die Kennedy-Brüder an, die ihm zwar bei der Flucht helfen, seine eigentliche Verfassung aber wohl nur erraten können. Und doch sind auch sie auf der Flucht, denn sie haben bei einem Mord zugesehen, den der Chef im Irokesengebiet an zwei Schwarzen begangen hat, was auch hier, in dieser fiktiven Welt der Vergangenheit illegal zu sein scheint. Die Engländer haben den Krieg in den USA nicht gewonnen, Franzosen und Indianer, aber auch Schwarze haben sich verbündet oder kämpfen gegeneinander und der Alkohol der beiden Iren hilft den einen beim Überleben und verunmöglicht den anderen den Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Der Stoff mache die Schwarzen stumpfsinnig, er mache sie zu Zombies, die für ihre Herren schuften, ob Franzosen oder Irokesen, der Alkohol helfe ihnen zu vergessen, dass sie Sklaven sind.
  Die dichte, authentische Atmosphäre machte die unglaublichen Geschichten dieser Graphic Novel zu einem willkommenen ästhetischen Erlebnis der Sonderklasse. Auch wenn die Spekulation keine Kategorie der anerkannten Geschichtswissenschaft ist, macht doch gerade das „was wäre, wenn…“ diese Geschichtsschreibung zu einem spannenden Abenteuer mit viel effet. Ganz große Klasse ist etwa auch die Verfolgungsjagd auf Booten durch das Bayou und die teilweise sehr dunkle, aber doch auch sehr kräftige und überzeugende Atmosphäre der Bilder.

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