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Erich Klein
Die Russen in Wien
Die Befreiung Österreichs: Wien 1945

Falter
2015
248 Seiten
ISBN-13: 978-3854395614
€ 29,90


Von Alemanno Partenopeo am 07.11.2015

  70 Jahre Kriegsende. Die neuntägige Eroberung Wiens 1945 als Bildergeschichte. Die Revision der als Plünderer und Vergewaltiger bezeichneten russischen Soldaten und natürlich das Russendenkmal am Wiener Schwarzenbergplatz. So könnten die Schlagwörter zu diesem Buch des Falter Verlages lauten, das ein längst fälliges Desiderat der Forschung in mehrfacher Hinsicht befriedigt. Denn endlich erfährt der/die Leser/in die ganze Wahrheit und nicht nur ein paar stereotype Geschichten, die auf rassistischen und propagandistischen Vorurteilen beruhen. In zwanzig Einzelporträts wird auch die andere Seite erzählt, nämlich wie sowjetische Kriegsteilnehmer die Befreiung Österreichs und die zehnjährige Besatzung erlebten. Zusätzlich räsoniert der russische Philosoph Wladmir Bibler in einem Artikel in vorliegender Publikation über die Inschrift am Wiener Denkmal der Roten Armee am Schwarzenbergplatz.
  „Die Rote Armee kämpft nicht gegen das österreichische Volk“, hieß es damals, denn durch die Moskauer Deklaration von 1943 wurde Österreich als Opfer des Hitlerfaschismus bezeichnet, wenn es seinen eigenen Beitrag zur Befreiung auch dann wirklich leiste. Nachdem es einen österreichischen Widerstand tatsächlich gab, kamen die Russen als nicht als Besetzer, sondern als Befreier, für viele allerdings leider zu früh, denn die Versprechen der amerikanischen Konsumwelt erschienen unheimlich viel verheißungsvoller denn die ideologieüberfrachteten Resultate der sowjetischen Kollektivproduktion. Zumindest gab es nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein österreichisches Nationalbewusstsein, allein, um sich von der Schuld der Deutschen zu befreien, proklamierte man eine österreichische Nation, die so viel unschuldiger an Völkermord und Krieg gewesen sein sollte. Dabei wurde nicht nur oft vergessen, dass Hitler ein Österreicher war und Beethoven ein Deutscher (und nicht umgekehrt!), sondern auch, dass zumindest zwei Drittel der Bevölkerung eine deutschnationale Einstellung hatten, denn eine im Verhältnis zur K.u.K.-Monarchie so kleine Nation wie Rest-Österreich hielt niemand für überlebensfähig.
  Der Krieg sei für seine Generation fast wie eine Rückkehr zu den ursprünglichen Idealen der Revolution gewesen, schreibt Bibler. In der Sowjetunion hatten in den Dreißiger Jahren politische Prozesse jedwede Opposition ausgelöscht und im Großen Vaterländischen Krieg konnte man nun doch wieder die ursprünglichen Ideale im Kampf gegen den Faschismus verwirklichen. Allerdings war der Befreiungs- und Verbrüderungsgedanke bald einem neuen Imperialismus gewichen, der die Sowjetunion als Großmacht erstmals auf die Weltbühne brachte. „Vielleicht waren es nicht alle“, schreibt Bibler, „aber die Soldaten, die sich als russische Befreier vom Faschismus, nicht einfach als Befreier, sondern als die russischen Befreier Europas fühlten, sie sind zur Basis jener stalinistischen Jagd auf die sogenannten Kosmopoliten im Jahre 1948 geworden. Sie sind als Internationalisten in Europa einmarschiert und als russische Imperialisten fortgegangen.“
  Das vorliegende Geschichtsbuch des Trägers des österreichischen Staatspreises für Literaturkritik (2013) zeigt die andere Seite des Krieges in ausgewählten Interviews und anhand vieler Bildquellen. Eines ist dabei, das zeigt den Stephansdom ganz ohne Dach, ein anderes zeigt ein russisch besetztes Hotel Imperial. Die Einblicke in eine zerstörte Welt werden durch interessante Bilderklärungen und Texte ergänzt. „Österreicher! Unterstützt die Rote Armee bei der Zerschlagung und Vernichtung der Hitlertruppen!“ steht auf einem Appell, der wohl als Handzettel verteilt oder plakatiert wurde. Gut, dass die sowjetischen Besatzer und Befreier die Aufstellung des Russendenkmals im Staatsvertrag 1955 verankerten, denn sonst würde es längst nicht mehr stehen, weil viele die Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung von Faschismus und Krieg lieber wegdenken würden. Nicht umsonst heißt es ja auch: „Denk-mal!“

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