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Diane Brasseur
Der Preis der Treue
(Les fidélités)

dtv
2015
176 Seiten
ISBN-13: 978-3423260695
€ 14,90


Von Sabine Breit am 07.11.2015

  Abgedroschenes Klischee und als Tatsache so alt wie die Ehe selbst. Regt sich darüber noch irgendjemand auf? Ist es moralisch verwerflich? Ist es unfair? Könnte man es auch als Kavaliersdelikt, als kleinen Ausrutscher oder vielleicht sogar als verständlich und nachvollziehbar betrachten? Ist es dem natürlichen Trieb des Mannes geschuldet, oder doch mehr Angst vor dem Altwerden?
  Nichts von alledem und doch auch alles.
  Er – der Ehebrecher, der aus der Ichperspektive erzählt, macht sich dazu durchaus Gedanken und es ist ihm keineswegs egal, wie es den Beteiligten in dieser Menage á trois geht. Als egoistischer Fremdgeher sieht er sich nicht. Langeweile in der Ehe war auch nicht der Auslöser für seine außereheliche Beziehung.
  Seit einem knappen Jahr führt er ein Doppelleben. Die Wochenenden mit seiner Frau, die er liebt, der gemeinsamen Tochter und seinem Vater in Marseille mag er sehr, genießt sie auch. Obwohl – der Gedanke an Alix, bei der er unter der Woche in Paris lebt, lässt ihn auch an den Wochenenden nicht los.
  Sein schlechtes Gewissen stellt sich allerdings immer öfter ein. Sowohl seiner Frau als auch seiner Geliebten gegenüber. Seine Geliebte – dieses Wort mag er gar nicht. Es klingt für ihn herablassend, erniedrigend.
  Sie weiß, dass er verheiratet ist und die Wochenenden mit seiner Familie verbringt. Aber weiß sie auch, dass er seine Frau noch liebt und sich nicht vorstellen kann, sie zu verlassen?
  Genauso wenig kann er sich vorstellen, mit Alix Schluss zu machen. Wie würde es sich anfühlen, sie nie wieder zu treffen, ihren Duft nie wieder einatmen zu können, sie nie wieder lächeln zu sehen?
  Oder wie wäre es, nie wieder das vertraute Lächeln seiner Frau am Morgen zu sehen, ihre liebgewonnenen Handgriffe nicht mehr mitzuerleben, der gemeinsamen Tochter die Geborgenheit der Familie zu entziehen?
  Es wäre ein Schmerz, den zu ertragen er sich nicht vorstellen kann. Wartet er auf eine Entscheidung von außen, muss er selber eine treffen?
  Oder ist es nicht eigentlich gut, wie es ist? Wenn er sich vorstellt, seine Tochter erzählte ihm irgendwann mal von der Liebe ihres Lebens – „Papa, er ist verheiratet, aber wir lieben einander so sehr“ – er würde den Kerl umbringen wollen.
  Macht er mit Alix nicht auch genau das, wovor er seine Tochter schützen wollen würde? Nämlich dass ihr die schönsten Jahre gestohlen werden ohne Aussicht auf eine Beziehung, die man auch nach außen leben darf, mit Freude auf ein gemeinsames Familienleben, einen gemeinsamen Freundeskreis?
 
  Diane Brasseur versteht es sehr gut, die imaginären Gedanken ihres Hauptakteurs zu Papier zu bringen. Baut Spannung in ihrem Buch wie in einem Krimi auf, dass man es nicht weglegen möchte, bevor man nicht endlich weiß, wie die Entscheidung ausfällt. Oder ob es überhaupt zu einer Entscheidung kommt. Und wenn ja, wer trifft sie? Oder kann das Doppelleben doch auch weitergehen? Die Untreue aus der Sicht des Untreuen, keine Neuigkeit, aber von Diane Brasseur auf eindrucksvolle Weise beleuchtet – sehr empfehlenswert.

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